Angst vor den Taliban: Die Lage der Frauen in Afghanistan

Stand: 20.08.2021 15:20 Uhr

Die radikal-islamische Taliban haben die Macht in Afghanistan übernommen. Die Menschen in Afghanistan haben Angst.

Viele wollen das Land verlassen - vor allem Mädchen und Frauen. Sabine Pinkeburg sprach mit Nadia Nashir, der Vorsitzenden des Afghanischen Frauenvereins, Hamburg:

Frau Nashir, wenn die Taliban ankündigen, dass sie allen verzeihen, und dass Frauen weiterhin in Afghanistan arbeiten dürfen – wie glaubwürdig sind solche Aussagen?

Nashir: Das können wir momentan noch gar nicht sagen. Es ist es sehr schwierig, diese Frage zu beantworten. Eins ist aber klar: Die Taliban sind konservativer, viel strikter und strenger, als bisher die afghanische Regierung war. Man muss abwarten und schauen.

 

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Vor allem Mädchen und Frauen haben Angst vor einer weiteren Gewaltherrschaft der Taliban, und vor allem davor, dass sie keine Rechte mehr haben, die sie sich in den letzten Jahren so mühsam erkämpft haben. Ist diese Angst für Sie nachvollziehbar?

Nashir: Das ist nachvollziehbar aufgrund der Erfahrungen aus den 90er-Jahren. Aber wir haben bisher - was unsere Projekte betrifft - keine Erfahrung und keine Lageberichte von Frauen erhalten, ob sie in Gefahr sind, und ob es für sie schwierig ist. Wir können natürlich nur von drei Provinzen berichten, wo unsere Projekte sind. Über die Zukunft können wir nichts sagen.

Die Taliban hatten vor einigen Tagen angekündigt, dass die afghanische Bevölkerung alle Mädchen über 15 Jahre an die Taliban übergeben müssen. Was wissen Sie darüber? Geschieht das?

Nashir: Bisher haben wir aus unseren Erfahrungen und dem Kontakt mit unseren Mitarbeitern keine Berichte darüber. Aber ich hoffe es nicht. Das wäre furchtbar.

Der Afghanische Frauenverein betreibt zahlreiche Hilfsprojekte am Hindukusch. Sie haben zum Beispiel Schulen und Gesundheits-Stationen vor allem auf dem Land. Wie geht es Ihren Mitarbeitern? Haben Sie Kontakt?

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Nashir: Ja, täglich. Stündlich. Mehr noch als mit meinen deutschen Freunden hier in Deutschland. Momentan ist das so, dass wir von 14 Projekten vier im Betrieb haben. Und noch ein weiteres Projekt auch wir arbeiten können unsere Mitarbeiter. Als Sonntag die Taliban nach Kabul gekommen sind, gab es Unruhe. Sie waren unsicher, sie sind in ihre Häuser gegangen, aus Sicherheitsgründen. Und momentan machen sie Homeoffice. Diejenigen, die zur Arbeit gehen, verlassen das Haus mit den Fahrzeugen. Aber Arbeiten ist möglich, auch bei unseren Schulen, auch mit den Lehrern, auch mit Brunnenbohren. Wir haben fünf Projekte, die momentan in Betrieb sind, und das geht.

Vor allem Frauen mit hochrangigen Posten in Justiz, Politik und Lehre, die meist in Städten leben, haben Todesangst. Haben Sie Kontakt zu diesen Frauen? Wie können Sie ihnen helfen?

Nashir: Leider nicht. Wir haben keinen Kontakt, weil die meisten unserer Mitarbeiter sind Lehrerinnen, Ärztinnen und Hebammen. Ich kann die Angst dieser Frauen sehr gut verstehen. Wir können ihnen leider nicht helfen. Sie sehen ja schon alleine, wie das mit den Ortskräften der Botschaftsmitarbeiter ist. Es ist nicht einfach, ihnen zu helfen, weil wir auch kein Programm und kein Projekt haben, sie außer Landes zu bringen.

Viele Afghaninnen möchten ihr Land und ihre Familie nicht im Stich lassen und bleiben. Ist das gerade sinnvoll?

Nashir: Kein Mensch verlässt sein Land gerne. Das ist die starke Not - und die Verzweiflung und die Perspektivlosigkeit, wenn sie ihr Land verlassen. Das Schwierige ist natürlich jeder einzelne Fall. Es ist so eine ganz persönliche Sache. Aber ich kenne viele Fälle von Familien, die im Lande bleiben, wenn nicht gerade ganz schlimme Not und Gefahr und alles, was damit verbunden ist, droht, dass sie ihr Land verlassen. Aber viele wollen bleiben. Viele wollen gar nicht ihre Häuser und ihre Umgebung verlassen. Sie möchten in ihrem Land bleiben. Ja, ich kann das verstehen.

Warum ist diesen Frauen ihr Land wichtiger als das eigene Leben?

Nashir: Da muss man die Frauen fragen, die davon betroffen sind. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass die afghanische Frauen - viele sind mutige und sehr tapfere Frauen – dass sie ihr Land lieben. Und sie wissen, was sie im Exil erwartet. Sie kennen ja auch viele Berichte aufgrund der Medienlandschaft, was sie erwartet, wenn sie mit den Schleppern über die Türkei und Griechenland kommen. Viele wissen, was sie erwartet, wenn sie nach Europa kommen. Dass es auch hier – eine andere Art - Probleme gibt. Die sind wohl in Sicherheit, aber sie können zum großen Teil nicht ihr Leben weiterführen. Das ist nicht so einfach.

Können diese Frauen ihren Familien und ihrem Land nicht vom Ausland her besser helfen?

Nashir: Man kann nur dann helfen, wenn man einigermaßen stabil ist - und angekommen ist. Wenn man selbst Probleme hat - das schafft man nicht. Aber ich merke bei vielen unserer Landsleute, die hier in Deutschland sind, dass sie auch selbst große Probleme haben - auch in Flüchtlingslagern. Es kommen Anrufe bei uns ein von Menschen, die sagen: Ich möchte meinen Landsleuten helfen. Möglich ist das schon. Aber zuerst muss man einmal ankommen, seine eigenen Probleme lösen.

Nun haben nicht nur militärische, sondern auch zivile Hilfskräfte das Land zum größten Teil verlassen. Was muss nun geschehen?

Nashir: Wir brauchen weiterhin Unterstützung: Wirtschaftliche, politische und humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung - auch vom Ausland. Damit die Nachbarländer sich nicht einmischen, und damit in Afghanistan Frieden kommt. Afghanistan ist komplex, und der Friede kann nur dann kommen, wenn eine Sicherheit und Stabilität kommt. Wenn keine Waffen mehr geliefert werden, wenn keiner seine Verbündeten unterstützt. Das ist das Wichtigste - und weiterhin bitte berichten über Afghanistan: Das nicht vergessen!

Das Interview führte Sabine Pinkenburg, NDR Kultur.

 

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