Gläubige beten wegen der Corona-Pandemie mit Sicherheitsabstand in der Moschee des Islamischen Kulturzentrum in Wolfsburg. © picture alliance/dpa Foto: Ole Spata

"Moschee-Sharing": So könnten Gemeinden Kosten sparen

Stand: 13.08.2021 15:20 Uhr

In Deutschland gibt es rund 2.000 Moscheen. Viele kleine Moscheegemeinden haben nur Gebetsräume. Sie leben von den spärlichen Gemeindebeiträgen und Spenden. Wie ihre Situation verbessert werden könnte, darüber hat sich Abdul-Ahmad Rashid Gedanken gemacht.

Gläubige beten wegen der Corona-Pandemie mit Sicherheitsabstand in der Moschee des Islamischen Kulturzentrum in Wolfsburg. © picture alliance/dpa Foto: Ole Spata
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von Abdul-Ahmad Rashid (Gastkommentar)

Eine Szene vor vielen Jahren in einer katholischen Kirche in Bonn. Im Rahmen einer Kunstaktion der Stadt fand in den Kirchenräumen eine Ausstellung statt. Für einen Radiobeitrag wollte ich darüber berichten und führte Interviews. Es war Sonntag, und gegen Mittag schloss die Vernissage, und es begann ein Gottesdienst. Aber dieser wurde nicht von der lokalen Gemeinde durchgeführt, sondern eine in Bonn ansässige polnische Gemeinde betrat den Raum. Sie nutzte die Kirche für ihren Gottesdienst. Als sie fertig war, folgte ihnen eine italienische Gemeinde, und anschließend eine portugiesische. Sie alle feierten die Liturgie in ihren Landessprachen. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass dies ein Konzept der katholischen Kirche sei, mit der Gemeinden eine Kirche nutzen konnten, die keine eigenen Räumlichkeiten besäßen. Außerdem fülle man somit die Kirchen, die nur in den Gottesdienstzeiten besucht würden, und das auch nicht selten spärlich. Gleichzeitig könne jede Gemeinde ihren Ritus nach ihrer Tradition vollziehen und bleibe somit unabhängig.

Vielfältige Herausforderungen für kleine Gemeinden

Abdul-Ahmad Rashid © Abdul-Ahmad Rashid
Der Journalist und Islamwissenschaftler Abdul-Ahmad Rashid ist Mitglied der ZDF-Redaktion Kirche und Leben.

Viele Jahre später kam mir diese Begebenheit wieder in den Kopf. Ich las von einigen Münchner Moscheegemeinden, die geschlossen wurden. Sie hatten einige Sicherheitsauflagen nicht erfüllt. Es war damals kurz nach der Ankunft der großen Zahl von Geflüchteten im Jahre 2015. Viele der Menschen aus Syrien, Irak und Afghanistan suchten die Moscheen auf, so dass diese noch voller waren als sonst. Auflagen wegen Fluchtwegen und Brandschutz konnten nicht mehr eingehalten werden. Dies führte zur Schließung der Moscheen. Die Münchener Muslim*innen waren damals verärgert und machten die Stadt verantwortlich. Doch was hatte die Stadt damit zu tun? Moscheegemeinden sind in erster Linie Vereine, und damit selbst für ihre Moscheeräume verantwortlich.

Finanzierung oft nur durch Spenden möglich

Es ist nicht selten, dass es in deutschen Städten in einer Straße mehrere Moscheegemeinden gibt. Oder sogar in einem Gebäude zwei Moscheegemeinden und fünfzig Meter weiter die nächste. Der Grund: Die ethnische Zersplitterung der muslimischen Landschaft hierzulande. Die Moscheegemeinden orientieren sich nach regionalen Zugehörigkeiten. Man bleibt lieber unter sich. Hinzu kommt, dass der Imam der Moschee meistens auch in der Landessprache predigt. Und so kommt es, dass - zugespitzt formuliert - jede 10-Mann-Gemeinde ihren eigenen Gebetsraum hat. Doch diese Situation stellt die Gemeinden häufig vor große finanzielle Herausforderungen. Sie sind nicht selten arm wie die "Moscheemäuse". Denn Moscheegemeinden können sie nicht durch die Mitgliedsbeiträge alleine finanzieren. Die Beiträge reichen oft vorne und hinten nicht. Denn die Zahl der Mitglieder ist oft geringer als die der Personen, die in die Moscheen kommen. Vielmehr sind es die Spenden beim Freitagsgebet, die großzügig fließen und die Gemeinden finanzieren. Wenn der Beutel oder die Plastiktüte herumgeht, zeigen sich viele Moscheegänger spendierfreudig. Dann kommen hohe Beträge herein. Doch die Finanzierung bleibt eine unsichere Sache. Und Krisen wie Corona tragen dazu bei, dass es schwierig bleibt.

"Moschee-Sharing": Teilen eines Raumes als mögliche Lösung

Wie könnte man das Problem lösen? Das, was bei christlichen Gemeinden schon gang und gäbe ist, sollte auch bei Moscheegemeinden praktiziert werden: Sie könnten sich einen Moscheeraum teilen. Eine Art "Moschee-Sharing". Also zusammen zahlen, aber getrennt beten. Wobei das Gebet auch gemeinsam begangen werden könnte: Denn man teilt das gleiche Bekenntnis und - bis auf kleine Abweichungen - den gleichen Ritus. Die Moscheegemeinden stehen auch den ganzen Tag leer und werden nur zu den Gebetszeiten genutzt. Vor allem kleinere Moscheegemeinden, die immer wieder Probleme haben, über die Runden zu kommen, könnten sich eine Moschee zusammen leisten.

Gemeinsames Gebet und Zusammenlegung von Gemeinden als Ziel

Noch scheint eine solche Idee schwer umsetzbar. Aber solange die Gemeinden nicht willens sind, zu fusionieren, könnte "Moschee-Sharing", also das Teilen eines Gebetsraumes, eine Lösung sein. Denn so könnten die Gemeinden sich auch die Miet- und Nebenkosten teilen und müssten nicht immer um ihre Existenz bangen. Das Freitagsgebet könnte getrennt durchgeführt werden, in den jeweiligen Landessprachen, mit anschließender Kollekte. Unter einem Dach, aber jede Gemeinde autonom für sich selbst. Und interessant wäre diese Idee nicht nur für kleine Gemeinden, sondern auch für liberale Gemeinden, die oft über keine Gebetsräume verfügen. Doch letztendlich sollte es das Ziel sein, dass sich viele Gemeinden irgendwann zusammenlegen und zusammen beten, hinter einem Imam, der dann nur auf Deutsch predigt.

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