Eine Muslima auf einem Skateboard © Julius Matuschik Foto: Julius Matuschik

"Moin und Salam": Blog zeigt Vielfalt muslimischen Lebens

Stand: 26.02.2021 12:24 Uhr

Seit wann gehört der Islam zu Deutschland? Wie sieht dieser Islam aktuell überhaupt aus und wie die Lebensrealität von Musliminnen und Muslimen hierzulande? Der Hannoversche Fotograf Julius Matuschik geht diesen Fragen nach und versucht in seinen Bildern einen lebensnahen Islam zu zeigen.

Eine Muslima auf einem Skateboard © Julius Matuschik Foto: Julius Matuschik
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von Andrea Schwyzer

Als Praxisfellow der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft der Goethe-Universität Frankfurt hat er seine bildjournalistische Arbeit nun mit wissenschaftlichen Forschungsergebnissen verzahnt und stellt alles auf einer Homepage der Öffentlichkeit zur Verfügung: Der Blog "Moin und Salam" ist seit kurzem online und soll als Inspirationsquelle für Lehrerinnen, Schüler, aber auch Wissenschaftlerinnen und Journalisten dienen.

Fotos, die von muslimischem Leben in Deutschland erzählen

Da war dieses Bild. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von 1930. Zu sehen ist eine große Gruppe von Menschen vor dickwandigen, orientalisch geschwungenen Fensterbögen. Frauen in Pelzkragenmänteln und schwarzen Schnürschuhen, Männer in Anzügen und mit Hüten, manche mit dandyhaftem Einschlag. Ein Turban lugt aus der Menge hervor. Unterschiedliche Hautfarben und Herkünfte: Juden, Muslime und Christen vereint. Sie posieren vor der Wilmersdorfer Moschee in Berlin - der ältesten erhaltenen Moschee Deutschlands.

Freitagsgebet in der Wilmersdorfer Moschee, Berlin © Julius Matuschik Foto: Julius Matuschik
In seinen Bildern versucht Julius Matuschik einen lebensnahen Islam zu zeigen.

Es war dieses historische Bild, das Julius Matuschik elektrisierte, wie er sagt. Und so ist er unter anderem im Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland auf die Suche nach weiteren Fotografien gegangen, die von muslimischem Leben in Deutschland erzählen - und er ist fündig geworden: "Diese Bilder zu sehen, hat die Idee geprägt, dass man einen visuellen Zugang zu Geschichte und Gegenwart auf den Islam in Deutschland erschaffen könnte. Also in Bildern zu erzählen, wer oder was der Islam in Deutschland ist."

Auch aus wissenschaftlicher Sicht wertvoll

"Ich halte diesen praktischen Zugang auch aus wissenschaftlicher Sicht für wichtig, weil man einen vorbehaltlosen Zugang wählt und damit auch mehr sehen kann, weil man die Perspektive öffnet." Das sagt die Politik- und Religionswissenschaftlerin Raida Chbib. In ihr hat der Fotograf Julius Matuschik eine Verbündete für sein Projekt "Moin und Salam" gefunden. Die Geschäftsführerin der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft der Goethe-Universität Frankfurt kommentiert die wiederentdeckten, historischen Bilder und macht so aus wissenschaftlicher Sicht deutlich, dass der Islam und Deutschland schon vor der Gastarbeitergeneration in den 60er-Jahren miteinander verbunden waren: "Es hat ein muslimisches Leben in Deutschland schon in signifikanter Weise gegeben", sagt Chbib. "Es haben sich Gemeinschaften formiert und es hat auch eine starke Interaktion zwischen Deutschen und Muslimen aus islamisch geprägten Gebieten gegeben."

Davon erzählt zum Beispiel eine stellenweise ausgeblichene Schwarz-Weiß-Fotografie von Kaiser Wilhelm II.: Winkend und mit Pickelhaube fährt er in einer Kutsche durch die Pflastersteinstraßen von - damals noch - Konstantinopel. Ein Amtsbesuch beim Herrscher des osmanischen Reichs, Sultan Mehmet V. im Jahr 1917. Oder ein kunstvoll bedruckter Reisebericht aus Persien aus dem 17. Jahrhundert: Er zeugt vom Interesse deutscher Abenteurer an islamisch geprägten Regionen.

"Mir ist wichtig, dass die Vielfaltsgesellschaft sichtbarer wird"

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In diesem ersten Kapitel zur Historie des Islams in Deutschland kommen aber auch Imame, Schriftsteller oder Wissenschaftlerinnen zu Wort. Bis zum Endes des Jahres sollen auf "Moin und Salam" fünf weitere Kapitel gestaffelt online gehen. Behandelt werden darin unter anderem die Entstehungsgeschichte muslimischer Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg, muslimischer Feminismus oder die Jugendkultur. Parallel wird ein Instagram-Account bespielt, etwa mit fotografischen Tagebüchern und aktuellen Aufnahmen von Musliminnen und Muslimen in Deutschland, erzählt Julius Matuschik: "Mir ist als Fotograf generell wichtig, dass die Vielfaltsgesellschaft sichtbarer wird, in der wir leben - unabhängig von Religion, Herkunft oder Inklusionsthemen."

Auf "Moin und Salam" werden diese Bilder sichtbar - ab Sommer fungiert die Homepage nämlich zusätzlich als Bildarchiv. Mehrere Fotografinnen stellen dann ihre multiperspektivischen Aufnahmen zum Download zur Verfügung, die möglichst vorbehaltlos das Leben von Musliminnen und Muslimen in Deutschland zeigen. In der Hoffnung, dass das tendenziell stereotype Bild über den Islam in Deutschland allmählich aufgebrochen wird.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 26.02.2021 | 15:20 Uhr

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