Stand: 22.08.2019 17:27 Uhr  | Archiv

Lingener Beratungsstelle hilft Geflüchteten

von Ita Niehaus

Ob bei Problemen mit dem Partner, in der Familie oder bei Lebens- und Erziehungsfragen ­ die katholischen Psychologischen Beratungsstellen im Bistum Osnabrück sind für alle Menschen da. Und die Nachfrage ist groß. Auch immer mehr Geflüchtete suchen Hilfe. Das Bistum Osnabrück geht im Emsland neue Wege und hat seit Anfang des Jahres zwei muslimische Frauen in den Psychologischen Beratungsstellen in Lingen und Papenburg angestellt.

Fereshteh Afsar © NDR
"Es ist sehr wichtig, dass man die Muttersprache und die Kultur kennt", sagt Fereshteh Afsar.

Seit sechs Jahren lebt die iranische Psychologin Fereshteh Afsar in Deutschland, seit drei Jahren arbeitet sie in der katholischen Psychologischen Beratungsstelle in Lingen. "Ich versuche immer, Hoffnung zu geben", sagt die Muslimin. " Das Wichtigste für mich ist: Egal, welche Religion man hat oder welche Hautfarbe - man kann einfach hierher kommen und sich setzen."

Zunächst war Afsar Praktikantin, dann Dolmetscherin. Nun ist sie festangestellt und betreut Geflüchtete - vor allem aus Afghanistan. Denn auch dort sprechen viele Menschen Persisch.

Schlafstörungen, Ängste und Depressionen

Krieg, Flucht, Folter, der Verlust von Angehörigen - viele der Hilfesuchenden haben traumatische Erfahrungen gemacht. Sie leiden an Schlafstörungen, Ängsten und Depressionen. Wie Nesrin zum Beispiel: Ihr Antrag auf Asyl läuft noch. Seit gut zwei Jahren lebt sie mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Lingen. Zuhause fühlt sie sich dort nicht. Ihr Mann, ein KFZ-Mechaniker, hat keine Arbeit, die Kinder finden keine Spielkameraden. Nesrin trägt Kopftuch - aus Tradition, den Glauben hat sie verloren. "Ich habe Depressionen und habe Hilfe gesucht", sagt sie. "Ich kann hier über meine Gefühle sprechen. Das Leben ist für mich sinnlos geworden, aber ich überlebe für meine zwei Kinder."

Ellen Geyer-Köhler (links), Fereshteh Afsar und Christoph Hutter bilden das Team der Psychologischen Beratungsstelle Lingen © NDR
AUDIO: Lingener Beratungsstelle hilft Geflüchteten (4 Min)

Fereshteh Afsar kann zuhören, beraten und auch dabei helfen, im Glauben Zuversicht zu finden. Doch das allein reicht oft nicht aus. Einmal im Monat etwa begleitet sie Nesrin zu einem Psychiater. In der Beratungsstelle in Lingen arbeitet die muslimische Psychologin eng mit ihrer katholischen Kollegin Ellen Geyer-Köhler zusammen. Sie ergänzen sich gut als Team. "Es ist sehr wichtig, dass man die Muttersprache und die Kultur kennt", betont Afsar. "Man kann die Probleme gut verstehen und über Gefühle sprechen." "Sie wissen, dass Fereshteh mit im Raum ist, und da ist auf jeden Fall ein schnelleres Vertrauensverhältnis da", ergänzt Geyer-Köhler.

Fachkräfte wie Afsar werden dringend benötigt

Immer mehr an Bedeutung gewinnt die Erziehungsberatung. Viele Eltern, die geflüchtet sind, brauchten über Jahre all ihre Kraft für den Kampf ums Überleben, die Kinder standen oft hintenan. "In Deutschland wiederholt sich das noch mal, weil die Eltern immer noch verunsichert sind", weiß Geyer-Köhler. "Da ist es sehr wichtig, immer wieder zu sagen: 'Euer Kind braucht Euch jetzt und wartet nicht, bis der Aufenthaltsstatus geklärt ist.'"

Christoph Hutter © NDR
Christoph Hutter ist Leiter der Psychologischen Beratungsstellen im Bistum Osnabrück

Fachkräfte wie die Muslimin Fereshteh Afsar, die sich in Deutschland weiterbilden und zwischen den Kulturen und Religionen vermitteln können, sind noch die große Ausnahme. Doch sie werden dringend benötigt, sagt Christoph Hutter, der Leiter der Psychologischen Beratungsstellen im Bistum Osnabrück: "Interessanterweise spielt es in der Fachlichkeit eine verschwindend kleine Rolle, aus welcher religiösen Tradition man kommt", so Hutter. "Unterschiedliche religiös geprägte Menschen arbeiten eher ähnlich, während Menschen, die mit religiösen Zugängen nichts zu tun haben, eher anders beraten und andere therapeutische Prozesse vorantreiben."

Ellen Geyer-Köhler und Fereshteh Afsar haben festgestellt: Man muss in kleinen Schritten denken, um erfolgreich helfen zu können. Und: über den eigenen Glauben hinaus: "Von daher ist es wichtig, weiter zu machen. Es wird Früchte tragen", versichert Geyer-Köhler.

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Ein Mann sitz bei einer Psychiaterin auf der Couch und gestekuliert mit den Händen © picture alliance / dpa

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