Eine Pflegerin begleitet eine ältere Frau auf ihr Zimmer © picture alliance / dpa Foto: Soeren Stache

In Vielfalt altern - Kultur- und religionssensible Pflege

Stand: 14.01.2022 10:37 Uhr

Viele ältere Musliminnen und Muslime mit Einwanderungsgeschichte wünschen sich eine kultur- und religionssensible Pflege - auch bei uns im Norden. Aber inwieweit sind ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen darauf eingestellt?

Eine Pflegerin begleitet eine ältere Frau auf ihr Zimmer © picture alliance / dpa Foto: Soeren Stache
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von Ita Niehaus

Es ist nicht zu übersehen: Hüseyin und seine Töchter Evsen und Nezahat sind ein eingespieltes Team. Der 88-jährige Witwer war früher einmal Lehrer in Hannover, seit einigen Jahren lebt er in einem Seniorenzentrum in Gehrden, in der gleichen Stadt wie Evsen. Es war kein einfacher Schritt, sich auf die Suche nach einem guten Seniorenheim zu machen, erinnert sich die 61-jährige Ärztin Evsen. Eine kultursensible Pflege war dabei nicht das zentrale Kriterium: "Wir haben das, was da ist, in uns aufgenommen und das Beste für uns draus gemacht. Die AWO-Residenz ist schick, er hat ein schönes Zimmer, er sorgt für sich, wenn er etwas haben will, und den Rest machen wir." Zum Beispiel gemeinsam Türkisch essen gehen, bei der Körperpflege helfen oder den Altenpflegern Tipps geben. Dass Hüseyin etwa respektvoll mit "Herr Hüseyni" angesprochen werden möchte. Der muslimische Rentner ist einer von wenigen Bewohnern mit Einwanderungsgeschichte.

Was macht gute Pflege aus?

Die Vorstellungen, was eine gute Pflege ausmacht, sind unterschiedlich - auch in den Migranten-Communities. "Kultursensibel zu sein", findet etwa Evsen. "Das wäre nicht daran gekoppelt, dass er Moslem ist, sondern es geht um das Feingefühl für den Menschen und Empathie. Einfach mitgehen mit dem Menschen, seine Bedürfnisse wahrnehmen und danach handeln. Gar nicht das Türkische."

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Hatice Kocak, Vorstandsvorsitzende des Sozialdienstes muslimischer Frauen Delmenhorst, hat da etwas andere Erfahrungen gemacht: Viele ältere Muslime, sagt sie, wünschen sich Pflegekräfte, die ihre Muttersprache beherrschen und den gleichen kulturellen Hintergrund haben. Auch Rücksichtnahme auf die islamischen Speisevorschriften sei ihnen wichtig. "Damit die Schamgefühle nicht verletzt werden, erwarten sie gleichgeschlechtliche Pflege", erzählt Kocak. "Fürsorge, gewohnte Musik und kulturelle Umgebung sowie die gewohnten Lebensverhältnisse gehören auch zu den Erwartungen, was sich jedoch nicht von anderen Senioren unterscheidet."

Viele Barrieren - doch es tut sich was

Die Nachfrage nach mobilen kultursensiblen Pflegediensten steigt, in Seniorenzentren leben bisher jedoch nur wenige Bewohnerinnen und Bewohner mit Einwanderungsgeschichte. Der Sozialdienst muslimischer Frauen Delmenhorst möchte daher ein Beratungsangebot für kultur- und religionssensible Altenpflege aufbauen: "Dass so wenige muslimische Menschen in Seniorenzentren leben, heißt nicht, dass ein geringerer Bedarf besteht", betont Kocak. "Bürokratische Hürden, Angst vor rechtlichen oder finanziellen Folgen, die Unwissenheit oder Unsicherheit über die Gestalt der Pflegeleistungen in den Einrichtungen sind ein Teil der Barrieren."

Hinzu kommt, dass es bisher nicht genügend ambulante und stationäre Hilfsangebote gibt, die individuelle Werte, kulturelle und religiöse Bedürfnisse berücksichtigen. Doch es tut sich was in der Altenpflege bundesweit - trotz Fachkräftemangel und Unterfinanzierung, beobachtet die Gerontologin Gabriella Zanier vom Forum für kultursensible Altenhilfe: "Es sind viele anerkennungswerte Beispiele von kleinen und großen Trägern, privaten und von Wohlfahrtsverbänden, die sich auf diesen Weg gemacht haben und versucht haben, diesen Prozess auch umzusetzen." Was jedoch die Vermittlung von interkulturellen Kompetenzen in Aus- und Weiterbildungs- angeboten angeht, bestehe durchaus noch Nachholbedarf, kritisiert Zanier.

Hüseyin fühlt sich inzwischen ganz wohl im Seniorenzentrum in Gehrden. Und auch seine Tochter Evsen kann sich gut vorstellen, später einmal in ein Altenheim zu ziehen.: "Es müsste aber ein Heim sein, wo meine Würde zählt."

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NDR Kultur | Freitagsforum | 14.01.2022 | 15:20 Uhr

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