Ein Stempel und ein Halal-Siegel © picture alliance / Zoonar | CH. HORZ Foto: CH. HORZ

Halal-Produkte: Lukratives Geschäft mit Hindernissen

Stand: 06.08.2021 15:20 Uhr

Der Markt für Halal-Produkte wächst. Auch deutsche Unternehmen verdienen daran. Doch das Geschäft wird komplizierter, wie die Erfahrungen der Arbeitsgruppe "Halal & Koscher" der IHK Hannover zeigen.

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von Brigitte Lehnhoff

Unter dem Dach der Industrie- und Handelskammer Hannover gründete sich vor zehn Jahren die Arbeitsgruppe "Halal & Koscher". Das ist eine Plattform für Unternehmen aus ganz Deutschland, die nach islamischen und jüdischen Geboten produzieren: nicht nur Lebensmittel, auch pharmazeutische Produkte, Bekleidung oder Reisen. Zwar wächst das weltweite Geschäft mit Produkten und Dienstleistungen, die ein Halal- oder Koscher-Siegel tragen. Die Arbeitsgruppe bei der IHK macht aber die Erfahrung, dass der Zugang zu muslimischen Märkten schwieriger wird.           

Bei der Industrie- und Handelskammer Hannover verantwortet Tilman Brunner die Abteilung International. Die Herausforderung für deutsche Firmen, die halal-zertifizierte Produkte exportieren wollen, beschreibt er so: "International haben manche Länder das Halal-Feld vor einigen Jahren für sich entdeckt, um einfach nur noch bestimmte Zertifizierer zuzulassen. Das kostet schnell mal 100.000 Euro, bis man da auf die Liste der zugelassenen Zertifizierer kommt. Das ist also schon eine große Markthürde, ein Eintrittshindernis für viele, sowohl für die Zertifizierer als auch in der Folge für die Unternehmen selber."

Kein einheitlicher Halal-Standard

Das Problem: Wegen der unterschiedlichen islamischen Strömungen gibt es keinen weltweit einheitlichen Halal-Standard, auch keine von allen anerkannte Institution, die so etwas durchsetzen könnte. Die Organisation für islamische Zusammenarbeit, ein Verbund von knapp 60 Staaten, hat es versucht, ist aber gescheitert. Gerade muslimische Länder mit eher mittelständisch geprägter Wirtschaft haben ein anderes Interesse, beobachtet Kemal Calik, Chefredakteur des Online-Wirtschaftsmagazins Halal-Welt. "Diese Länder möchten, dass auch ihre Unternehmer am Halal-Markt mitverdienen. Das ist schwierig gegenüber multinationalen Konzernen, da an Land zu gewinnen. Wenn Sie sich angucken: Nestlé ist sehr präsent, Danone, diese ganzen Lebensmittelhersteller und auch die Hersteller für Zusatzstoffe, das sind riesengroße Konzerne", sagt Calik.

Für eine deutsche Firma, die international orientiert ist, wird es also komplizierter und teurer. "Wenn sie zum Beispiel auf die arabische Halbinsel exportiert, braucht sie einen Zertifizierer, der dort für die betreffenden Länder gelistet ist, der sich da also selber durch einen sehr aufwendigen Zulassungsprozess gequält hat. Wenn dieselbe Firma aber ihr Produkt auch nach Malaysia bringen will, auch ein sehr attraktiver Halal-Markt, braucht sie ziemlich sicher einen anderen Zertifizierer. Das heißt, das Unternehmen muss mehrfach einen Zertifizierungsprozess durchlaufen, der jedes Mal mit erheblichen Kosten verbunden ist."

Was bedeutet eigentlich halal?

Das Wort halal ist arabisch und bedeutet so viel wie "erlaubt", "zulässig". Es wird für Dinge und Handlungen gebraucht, die nach islamischem Recht zulässig sind. Halal-Produkte können Lebensmittel, aber auch Bekleidung oder pharmazeutische Produkte sein.

Enorme Kosten für Zertifizierung

Einen Anhaltspunkt für die Kosten gibt Norbert Kahmann, verantwortlich für die Halal- und Koscher-Produktion bei Symrise, einem weltweit agierenden Hersteller von Duft- und Geschmacksstoffen mit Sitz in Holzminden. Symrise bezieht etwa 10.000 Rohstoffe und fertigt daraus rund 30.000 Produkte, die es an andere Unternehmen liefert. Etwa 4.000 Produkte sind als halal gelistet. Das heißt: Ein muslimischer Lebensmitteltechniker, manchmal auch in Begleitung eines Imams, hat überprüft, ob Rohstoffe, Lieferanten, Fertigungsprozess und Endprodukte islamkonform sind. "Wir hatten mal einen Zertifizierer, der nahm 250 Euro für jedes Einzelzertifikat. Bei 4.000 zertifizierten Produkten hätten sie eine Million Euro ausgegeben. Das haben wir nicht, wir haben da einen anderen Weg eingeschlagen. Aber gehen Sie mal davon aus, dass Sie für Zertifikate zwischen 20 und 200 Euro bezahlen müssen. Abhängig davon, wie komplex solch eine Zertifizierung ist."

Kahmann hat vor zehn Jahren die Arbeitsgruppe "Halal & Koscher" bei der IHK Hannover mitgegründet. Schon damals sei der weltweite Umsatz mit halal-zertifizierten Produkten unvorstellbar gewesen. "Wo man angefangen hat, lag man bei zwei Billionen Dollar Umsatz und man erhofft sich eine Verdopplung auf vier Billionen bis 2025."

Halal-Produktion für Unternehmen ein Muss

Der Halal-Markt bleibt also trotz aller Hindernisse auch für deutsche Unternehmen attraktiv. Wolf-Dieter Borawitz geht noch einen Schritt weiter. Produkte nach religiösen Vorgaben zu produzieren, ist ein Muss, sagt der Beauftragte für die Koscher- und Halal-Produktion bei der Uelzena-Gruppe, einem Hersteller von Milch- und Gesundheitsprodukten mit Sitz in Uelzen. "In der heutigen Zeit führt kein Weg an einer Koscher- und Halal-Zertifizierung vorbei, sofern man an die führenden und somit in Europa oder sogar weltweit operierenden Lebensmittelhersteller liefern möchte." Denn die haben den Markt fest im Blick. In Europa leben etwa 50 Millionen Muslime, weltweit 1,9 Milliarden, Tendenz steigend.   

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 06.08.2021 | 15:20 Uhr

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