Leere Tische und Stühle stehen vor einem Restaurant © dpa Foto: Rolf Vennenbernd

Corona: Türkische Vereine und Restaurants kämpfen ums Überleben

Stand: 06.11.2020 12:01 Uhr

Durch die vielen Corona-Einschränkungen leidet auch die Arbeit vieler türkischer Vereine und Restaurants - und auch muslimische Künstler haben es schwer. Neben den finanziellen Einbußen tauchen auch andere Probleme auf.

Baklava auf einem Teller © NDR Foto: Timo Robben
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von Kerry Rügemer

Normalerweise trifft Engin Birsen Celik sonntags die anderen Frauen des Türkischen Frauen Kultur Vereins in Hamburg, aber alle Projekte des Vereins liegen derzeit wegen der Pandemie auf Eis. Vor allem Jugendliche und Kinder müssen somit auf viele Angebote verzichten, erzählt die Ehrenvorsitzende: "Wir haben Theatergruppen mit Jugendlichen, oder Musikgruppen. Das sind Projekte, die sechs Monate oder ein Jahr dauern. Wir veranstalten auch Reisen, damit wir das Land, in dem wir leben, also Deutschland, kennenlernen. Wir sind der Meinung, wenn türkischstämmige Kinder, die hier aufwachsen,ihre Sprache und ihre Kultur beherrschen, dann hätten sie auch keine Identitätsprobleme."

Häusliche Gewalt nimmt zu

Durch die vielen Einschränkungen sind aber auch noch ganz andere, schwerwiegende Probleme aufgetaucht, erzählt Celik: "Diese Pandemie ist auf mehreren Ebenen tragisch für uns. Nicht nur, dass wir die ganzen Veranstaltungen nicht machen können. Mit Beginn des ersten Lockdowns bekamen wir viele Anrufe von Frauen - was wir in den letzten Jahren kaum hatten -, die unter häuslicher Gewalt leiden. Für solche Frauen ist ein Lockdown sehr tragisch, im schlimmsten Fall auch tödlich. Eigentlich hätte sich die Politik den ganzen Sommer Konzepte ausdenken müssen, die niemanden vernachlässigen."

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Der Türkische Frauen Kultur Verein versucht zu helfen, wo es geht. Seit 1982 wendet er sich vor allem an Jugendliche und Familien. Männer sind hier zwar nicht ausgeschlossen, allerdings sind ausschließlich Frauen Vereinsmitglieder und im Vorstand. Sie alle engagieren sich ehrenamtlich. Einer Glaubensgemeinschaft gehört der Verein nicht an - Glaube ist hier Privatsache.

Ein finanzielles Fiasko

Das ist bei dem türkischen Fußballverein SV Türk Gücü in Hildesheim ähnlich, erzählt Geschäftsführer Sükrü Caglar: "Wir haben eine bunte Mischung von Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher sozialer Schichten, wo jeder seinen eigenen Glauben hat. Während dieser aktuell schwierigen Zeit, die uns alle betrifft, bin ich auch der Meinung, dass wir alle beten und hoffen sollten, dass Corona bald vorbei ist."

Seit über 40 Jahren bringt der SV Türk Gücü sportbegeisterte Fußballer zusammen. Momentan ist die Sportanlage an der Lavesstraße verwaist: "Der Spielbetrieb ist eingestellt, wir können keine Sitzungen abhalten, wir können uns nicht treffen. Was wir aber auch gutheißen, weil aktuell die Lage angespannt ist."

Trotz großem Verständnis für die vielen Corona-bedingten Einschränkungen macht sich Sükrü Caglar viele Sorgen. Denn finanziell ist diese Krise für den Verein ein Fiasko: "Wir zehren an unseren Rücklagen. Hilfe von der Stadt oder vom Verband? Die Antragsformulare sind so was von schwierig und die Hürden sind so hoch - das wäre nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir können von unseren Spenden, die wir reinbekommen haben, noch ein bisschen überbrücken. Mitglieder treten aus und wir haben da keine Einnahmen mehr. Unsere Fixkosten sind dreimal höher als das, was momentan reinkommt."

Kampf ums Überleben

Schlecht geht es auch den vielen Gastronomen - vom kleinen Dönerstand bis hin zum Edelrestaurant. Manche haben noch für den Take-Away-Service geöffnet; andere haben ihre Läden erstmal ganz geschlossen. Reden möchten die meisten nicht darüber. Ein Restaurantbesitzer schreibt, er und seine Mitarbeiter würden von ihrer Gemeinde unterstützt. Mit dieser moralischen Unterstützung und einer - wenn auch angeschlagenen - positiven Einstellung würde man weiter ums Überleben kämpfen.

Alle hoffen und beten, dass später, wenn die Pandemie überstanden ist, ihre Vereine und Restaurants überhaupt noch da sind.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 06.11.2020 | 15:20 Uhr

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