Eine Frau erhält eine Impfung © picture alliance / dpa-tmn Foto: Benjamin Nolte

Corona-Impfung: Wie steht der Islam zu dem Thema?

Stand: 19.03.2021 09:09 Uhr

Die Meinungen zum Thema Impfen gehen weit auseinander. Auch an den Menschen in den muslimischen Gemeinden geht die Diskussion nicht spurlos vorbei. Hasanat Ahmad geht den Fragen in einem Gastkommentar nach.

Eine Frau erhält eine Impfung © picture alliance / dpa-tmn Foto: Benjamin Nolte
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von Hasanat Ahmad

Das Thema Impfen hat die ohnehin schon aufgeladene Debatte rund um Corona weiter aufgeheizt. Selbstverständlich ist die aktuelle Impfkampagne auch nicht am muslimischen Leben in Deutschland spurlos vorbeigegangen. Genügend Stoff für Fragen, Sorgen und Diskussionen gab und gibt es auch in den muslimischen Gemeinden.

Islam: Progressive Haltung gegenüber medizinischem Fortschritt

Hasanat Ahmad © Hasanat Ahmad
Hasanat Ahmad ist Stellvertretender Bundesvorsitzender der Ahmadiyya Muslim Jamaat Deutschland KdöR.

Aus islamisch-theologischer Sicht kann zumindest die Frage nach Sinn und Unsinn von Impfungen recht eindeutig beantwortet werden: Der Koran als Heilige Schrift der Muslime sowie die Aussagen des Heiligen Propheten des Islam stehen dem Gedanken der modernen medizinischen Forschung im Dienste der Schöpfung Gottes sehr progressiv gegenüber: Ist eine Erfindung grundsätzlich nützlich für Körper und Geist und dient sie dem allgemeinen Wohl der Menschheit, gilt sie aus islamischer Sicht als begrüßenswert und sogar als großartige Wohltat.

Der Koran steht für den Gedanken ein, dass die letztendliche heilende Wirkung in Gottes Hand liegt und der Mensch seinen Schöpfer um Heilung bitten sollte. So heißt es in der 26. Sure in Vers 81: "Und wenn ich krank bin, ist Er es, der mich heilt."

"Für jede Krankheit gibt es eine Arznei, die Allah erschaffen hat"

Doch Gottvertrauen ist erst dann sinnvoll, wenn der Mensch Gebrauch von den Mitteln macht, die ihm zur Verfügung stehen. Um diesen Aspekt zu verdeutlichen, gebrauchte der Heilige Prophet des Islam die folgende Metapher eines Kamels: Wenn der Mensch möchte, dass das Kamel nicht davonläuft, genügt es nicht, bloß dafür zu beten und Gott zu vertrauen. Vielmehr muss er das Tier zuerst irgendwo festbinden. Erst danach macht es Sinn, sein Vertrauen in Gott zu setzen.

Der Islam lädt die Menschen regelrecht dazu ein, auf dem Gebiet der Heilkunst neugierig zu sein und zu forschen. Dass sprichwörtlich gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen ist, finden wir auch in einer nahezu identischen Aussage des Heiligen Propheten Muhammad (Friede sei auf ihm) wieder. So sagte er einmal: "Für jede Krankheit gibt es eine Arznei, die Allah erschaffen hat. Wird die Krankheit mit dem richtigen Gegenmittel behandelt, so gebietet Allah deren Heilung."

Die goldene Ära der Wissenschaften in der islamischen Geschichte zeigt eindrucksvoll, dass diese Aussagen auch viele muslimische Mediziner inspirierten. Ihre revolutionären Entdeckungen auf dem Gebiet der Heilkunst haben die Welt nachhaltig geprägt. Nicht zuletzt der Begriff "Kanon" leitet sich aus dem Titel des berühmten Buches "Das Gesetzeswerk der Heilkunde" ab, welches der große muslimische Arzt und Philosoph Avicenna (Ibn Sina) verfasste, um den damaligen Kenntnisstand der Medizin in einem Werk zusammenzufassen.

Impfung: Hilfe für die Schwachen und Alten

Die aktuellen Sorgen von Bürgerinnen und Bürgern sind auch Gegenstand von Diskussionen in den muslimischen Gemeinden in Deutschland. Nicht zuletzt ältere Menschen und solche mit sprachlichen Barrieren bedürfen besonderer Beachtung. Um für den verletzlichen Teil der Gemeinde eine Hilfe und Stütze in dieser Zeit zu sein, leistet beispielsweise die MAMO, also die Vereinigung von Medizinerinnen und Medizinern der Ahmadiyya Muslim Jamaat, Aufklärungsarbeit und bietet aktive Hilfe an. Schon seit Beginn der Pandemie haben die Mitglieder der Medizinerorganisation nicht nur bei ihrer Arbeit in Krankenhäusern und Arztpraxen einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung des Virus geleistet, sondern darüberhinaus auch in ihrer freien Zeit immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Gemeindemitglieder gehabt, auch was das Impfen angeht. Durch dutzende Online-Infoveranstaltungen in der Muttersprache der älteren und zugezogenen Gemeindemitglieder konnten die Ärztinnen und Ärzte wertvolle Aufklärungsarbeit leisten. Mithilfe von Aktionen und aktiver Hilfeleistung haben auch die jungen Frauen und Männer der Gemeinde versucht, ihrem muslimischen Selbstverständnis gerecht zu werden und die im Islam stark verankerte Fürsorgepflicht gegenüber Eltern und Älteren zu erfüllen. 

Die aktuelle Impfdebatte führt uns einmal mehr vor Augen, dass der innere Zusammenhalt der Gesellschaft eine lebendige Atmosphäre der Fürsorge und Nächstenliebe erfordert: Wir sollten erst die Schwachen und Alten schützen. Denn das ist ein Zeichen für eine gesunde und friedliche Gesellschaft.

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NDR Kultur | Freitagsforum | 19.03.2021 | 15:20 Uhr

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