Protestierende Menschen © picture alliance / imageBROKER Foto: Björn Kietzmann

Brauchen wir eine Forschungsstelle für "politischen Islam"?

Stand: 15.01.2021 13:14 Uhr

Seit einigen Monaten gibt es nun den Österreichischen Fonds zur Dokumentation von religiös motiviertem politischen Extremismus. Eine Stelle mit Modellcharakter für Deutschland?

Ein Koran auf Koranständer und einem Gebetsteppich in einer Moschee. © NDR Foto: Julius Matuschik
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von Michael Hollenbach

Diese "Dokumentationsstelle Politischer Islam" wurde von der österreichischen Bundesregierung aus ÖVP und Grünen ins Leben gerufen. Ein Team aus Soziologen, Politik- und Islamwissenschaftlern soll den politischen Islam wissenschaftlich dokumentieren und erforschen. Eine Stelle mit Pioniercharakter, die allerdings vor allem bei Muslimen durchaus umstritten ist.

"Eine ähnliche Ideologie wie die des Terrorismus"

Mouhanad Khorchide © picture alliance / dpa Foto: Uwe Zucchi
Mouhanad Khorchide plädiert dafür, in Deutschland eine ähnliche Forschungsstelle wie in Österreich einzurichten.

Der Münsteraner Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide leitet den wissenschaftlichen Beirat der Wiener Dokumentationsstelle Politischer Islam. Seine Einschätzung des Begriffs, der religiöse und politische Ziele verbindet, ist eindeutig: "Es handelt sich hier um eine ähnliche Ideologie wie die des Terrorismus. Zwar ist der politische Islam in seiner Variante in Europa gewaltfrei und meint, wir setzen uns nicht mit Mitteln der Gewalt durch, sondern wir erstreben das Durchsetzen unser Ziele über demokratische Wege - aber letztendlich um die Demokratie selbst außer Kraft zu setzen."

Doch der Begriff des politischen Islam, der irgendwo zwischen Dschihadismus, militantem Islamismus und dem religiösen Mainstream-Islam eingeordnet wird, ist vor allem jenseits der Wissenschaften umstritten. "Für mich ist der Begriff des politischen Islams sehr befremdlich", sagt Abdassamad El Yazidi, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland. "Wir im Zentralrat der Muslime rufen seit Jahrzehnten dazu auf, dass sich junge Muslime für ihr Land interessieren, dass sie sich in der Gesellschaft engagieren. Wenn das unter diesem Begriff des politischen Islams nicht mehr möglich ist, dann haben wir in Deutschland ein großes Demokratieproblem."

"Viele Politiker haben Angst, dass sie als Islamophobe hingestellt werden"

Was eine krasse Fehlinterpretation sei, sagt Khorchide: Denn es gehe natürlich nicht darum, dass Muslime sich nicht mehr politisch engagieren dürften. Es gehe vielmehr um eine demokratiefeindliche Auslegung des Islam: "Der Westen wird pauschal als der Feind des Islams deklariert. Das heißt, dass junge Menschen, die in Europa geboren und aufgewachsen sind, sich zwar strukturell in das Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt integrieren können, aber die Ideologie des politischen Islams sagt denen: 'Identifiziert euch nicht mit den Gesellschaften Europas; das sind eure Feinde.' Und das macht das Ganze gefährlich."

Gefährlich, - so Khorchide - weil die demokratiefeindlichen Ziele nicht offen propagiert würden wie bei militanten Salafisten. Deshalb sei es wichtig, deren Strukturen und Ideologien zu erforschen und offenzulegen. Zu diesen Gruppen zählt Khorchide beispielsweise den islamistischen Geheimbund der Muslimbrüder sowie die türkisch-nationalistischen Grauen Wölfe und auch die muslimische Gemeinschaft Milli Görüs. Khorchide plädiert dafür, dass auch die deutsche Bundesregierung den Mut habe, eine ähnliche Forschungsstelle wie in Österreich einzurichten: "Denn wir beobachten auch ein Phänomen, dass Politiker zwar unter vier Augen in Gesprächen zugeben, dass es Probleme mit der Muslimbruderschaft oder den Grauen Wölfen gibt. Aber viele Politiker haben Angst, dass sie als Islamophobe und Rassisten hingestellt werden, wenn sie Muslime kritisieren."

"Dieser Begriff stigmatisiert Muslime"

Abdassamad El Yazidi © picture alliance / AA Foto: Abdulhamid Hosbas
"Für mich ist der Begriff des politischen Islams sehr befremdlich", sagt Abdassamad El Yazidi.

Die Wiener Stelle auch in Deutschland zu etablieren, lehnt Abdassamad El Yazidi ab. "Ich halte von einer Dokumentationsstelle unter dem Namen des politischen Islam gar nichts. Dieser Begriff stigmatisiert Muslime in Gänze und er schürt Ressentiments, Generalverdacht gegenüber einer Glaubensgemeinschaft", befürchtet der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime.

Um dem politischen Islam den Boden zu entziehen, sei es einerseits wichtig, ihn zu enttarnen, beharrt Mouhanad Khorchide. Aber er betont auch, es reiche nicht, Muslimen in Deutschland nur formal auf dem Arbeitsmarkt eine Perspektive zu bieten; man müsse sie voll in die Gesellschaft integrieren: "Es geht um die Frage der Identifikation mit der Gesellschaft, dass man es schafft, von einem großen Wir zu sprechen. Dass wir Muslimen zeigen, dass sie anerkannt sind, ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft."

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NDR Kultur | Freitagsforum | 15.01.2021 | 15:20 Uhr

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