Stand: 19.06.2020 09:53 Uhr

Avicenna: Gefragte Begabtenförderung für Muslime

von Brigitte Lehnhoff

In Deutschland vergeben 13 Förderwerke Stipendien an Studierende und Promovierende. Das jüngste unter ihnen ist Avicenna. 2013 erkannte die Bundesbildungsministerin das Studienwerk für begabte Musliminnen und Muslime an. 2014 startete Avicenna mit 65 Stipendiaten. Wie hat sich das Förderwerk seitdem entwickelt?  

Hakan Tosuner, Geschäftsführer der Avicenna Geschäftsstelle Osnabrück © NDR Foto: Brigitte Lehnhoff
Hakan Tosuner leitet die Avicenna-Geschäftsstelle Osnabrück seit deren Gründung.

Hakan Tosuner leitet die Geschäftsstelle von Avicenna in Osnabrück seit der Gründung des Studienwerks. Ziel damals war, in fünf Jahren die Marke von 500 Stipendiaten in der Förderung zu erreichen. Punktgenau, zum Wintersemester 2019, war es soweit: "Ab jetzt ist es so, dass wir jedes Jahr nur noch die frei werdenden Plätze besetzen können. Zum Sommersemester, werden wir, nur als Beispiel, 30 aufnehmen. Zum anstehenden Wintersemester werden wir 40 neu aufnehmen, weil nach unserer Berechnung 40 Stipendiaten aus der Förderung ausscheiden," erzählt der Avicenna-Geschäftsstellenleiter in Osnabrück.

Avicenna: 90 Prozent der Mittel in der Studierendenförderung

Das Studienwerk Avicenna will sich nun erst einmal konsolidieren. In der Aufbauphase hätten sich interessante Trends herauskristallisiert, sagt Geschäftsführer Tosuner: "Es ist momentan so - etwa zehn Prozent sind in der Promovierenden-Förderung sind, 90 Prozent in der Studierendenförderung. Also wir haben jetzt ungefähr 450 in der Studierendenförderung und 50 in der Promovierendenförderung."

Ömer Alkin, 34 Jahre alt, ist studierter Medien- und Kulturwissenschaftler. Er wurde während seiner Promotion finanziell unterstützt. Rückblickend sagt Alkin, auch die ideelle Förderung sei nicht zu unterschätzen. In selbst organisierten Regionalgruppen, überregionalen Workshops und Seminaren werde über Themen aus Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik diskutiert. Das befördere auch den Dialog zwischen den islamischen Strömungen. "Wenn man sich da eben mit einer bestimmten Thematik auseinandersetzt, kommen viele unterschiedliche Perspektiven zusammen. Das ist das Spannende. Das hat natürlich auch Auswirkungen für die muslimische Community, weil sich die einzelnen Akteure wieder in ihre eigenen sozialen Gruppierungen zurückbewegen. Dort wirkt natürlich diese Horizonterweiterung weiter," so Alkin.

Förderung von Fächern wie Hebammenkunde, Jura und Medizin

Grundsätzlich fördert Avicenna die ganze Bandbreite möglicher Studienfächer: von Hebammenkunde über Sportwissenschaft und Jura bis zu Physik und Biologie. Aber es gibt einen klaren Favoriten: "Etwa ein Drittel unserer Stipendiaten in der Studierendenförderung sind angehende Ärzte. Erstens hat das mit dem sozialen Ansehen, mit dem Prestige des Arztberufes zu tun. Denn viele kommen aus Milieus, in denen der Bildungsaufstieg, der soziale Aufstieg eine große Rolle spielt", so Tosuner. Aber auch andere Motive können den Ausschlag geben: persönlich erlebte Schicksalsschläge oder die Erfahrung von Flucht und Leid.

Auf der Suche nach neuen Fördermitteln

Sarah Abdul Majeed hat 2019 ihr Medizinstudium in Leipzig abgeschlossen. Das Avicenna-Stipendium war ihr nicht aus finanziellen Gründen wichtig, sagt die 26-Jährige, deren Eltern aus dem Irak stammen. Ausschlaggebend sei der Wunsch gewesen, sich mit anderen erfolgreichen muslimischen Studierenden auszutauschen. Im Osten habe ihr das gefehlt. "Dieses Hier-Geboren-Sein, aber trotzdem Muslimin sein und quasi der Religion verbunden und versuchen, alles in einen Einklang zu kriegen, das hat bei den Stipendiaten im Avicenna-Studienwerk so super funktioniert. Man konnte quasi über Medizin reden und über Forschung und im nächsten Augenblick hatte man seine Mittagspause, um zusammen zu beten, wenn man das möchte," sagt die Stipendiatin Majeed.

Das ideelle Förderprogramm des Avicenna-Studienwerks wurde in den ersten fünf Jahren von der Mercator-Stiftung finanziert. Für weitere drei Jahren gibt es von dort nur noch Geld für einzelne Programme. Geschäftsführer Tosuner muss sich also nach neuen Geldtöpfen umsehen. "Wir haben bis jetzt keinen Akteur aus der muslimischen Community, der uns finanziell unterstützt", erzählt Tosuner. Das habe Vor- und Nachteile. Im Grund lasse sich so aber die eigene Strategie besser verfolgen. "Unsere Strategie ist es, dass wir mit allen muslimischen Akteuren im Austausch sind, einen Dialog pflegen und keinen präferieren, sondern zu allen eine gleiche Nähe oder Distanz haben," meint Tosuner. Stipendiaten jedenfalls schätzen das besonders.  

Das Dach einer Moschee.
AUDIO: Avicenna: Begabtenförderung für Muslime (5 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 19.06.2020 | 15:20 Uhr

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