Stand: 02.02.2017 15:38 Uhr  | Archiv

Allah in der Turnhalle

von Alexa Hennings

Große, repräsentative Moscheen mit Kuppeln und Minarett sind in in Deutschland eher selten. Die meisten der rund 2750 Moscheen liegen versteckt in Hinterhöfen oder Industriegebieten. Die Al-Salaam-Gemeinde in Schwerin versammelt sich in einer ehemaligen Plattenbau-Kita zum Gebet. Genügend Platz beim Freitagsgebet haben alle Gläubigen nur in einer Turnhalle .

Der Schweriner Imam Mohamed Dib Khanji in der Turnhalle, die als Gebetshaus dient.s © NDR
Spielfeldlinien, Turnmatten und Tore - mit dieser ungewöhnlichen Ausstattung arrangieren sich der Schweriner Imam Mohamed Dib Khanji und seine Gemeinde beim Freitagsgebet.

Keine Kuppel, kein Minarett, kein Schild. Eine Moschee ist dort, wo sich viele Gläubige treffen und miteinander beten. Und weil es freitags zu voll ist in der alten Plattenbau-Kita, die sonst der Al-Salaam-Gemeinde in Schwerin als Moschee dient, kommt man zum Freitagsgebet in eine Turnhalle. Ein paar Männer stellen das Podest für den Imam neben das Fußballtor, andere schleppen eine große Kiste, darin die Gebetsteppiche. Nach und nach treffen die Männer ein, stellen ihre Schuhe ab und nehmen vor dem Podest am Boden Platz. Frauen können in der Turnhalle nicht am Freitagsgebet teilnehmen, dazu wäre eine räumliche Abtrennung nötig.

Ein Imam für eine internationale Gemeinde

Der Schweriner Imam Mohamed Dib Khanji in der Turnhalle, die als Gebetshaus dient. © NDR
Der Schweriner Imam Mohamed Dib Khanji in der Turnhalle, die als Gebetshaus dient.

Ein kleiner Herr, weiße Haare, weißer Bart, weiße Kleidung, leitet das Gebet: Mohamed Dib Khanji. Der 70jährige ist der Vorsitzende des Islamischen Bundes Schwerin. Kein Theologe oder Islamwissenschaftler, sondern ein pensionierter Maschinenbauingenieur. Khanji spricht nicht nur auf arabisch zu seiner Gemeinde, sondern auch auf deutsch. Es gibt auch Gemeindemitglieder aus Zentralafrika, Afghanistan, Tschetschenien und Deutschland. Noch vor einem Jahr kamen 70 Gläubige zum Freitagsgebet, heute sind es 300.

Nach dem Gebet steht man noch zusammen, mancher wartet auf die Gelegenheit, den Imam anzusprechen. Geduldig hört Mohamed Dib Khanji zu. Er macht den Eindruck eines Menschen, der mit seinen Antworten besänftigend wirkt: "Viele Leute denken: Je strenger ich bin, je enthaltsamer man ist, umso besser - nee: Es gibt den Ramadan, wo man sich erzieht. Aber das Leben soll eigentlich weiter gehen wie es ist. Allerdings mit der Zeit, wenn man wenig Wissen hat, dann neigt man immer dazu, die Sache ein bisschen strenger zu sehen."

Ausgleich durch Rat, Trost und Pragmatismus

Die Dinge strenger zu sehen, kann zu Intoleranz führen oder zu Fanatismus. Das möchte der auf Ausgleich bedachte Schweriner Imam vermeiden. Mohamed Dib Khanji kam vor 50 Jahren aus Syrien nach Deutschland. Er studierte Maschinenbau in Hannover und arbeitete als Ingenieur in Hamburg und Schwerin. Er möchte, daß sich seine neu angekommenen Landsleute gut und schnell integrieren. Manche suchen Rat und Trost, weil sie um ihre Angehörigen in der Heimat fürchten.

Turnhalle © NDR
Das Gebetshaus macht äußerlich nicht den würdevollen Eindruck, den sich Gläubige normalerweise für den Ort ihrer Religionsausübung wünschen.

Wie ein junger Syrer, der seit über einem Jahr auf Frau und Kind wartet. Er holt sein Handy hervor, darauf ein Babyfoto: "Nicht gesehen. Zehn Monate …" Er kennt sein Kind nur von Fotos. Seine Frau war schwanger, als er sich auf den Weg nach Europa machte - in der Hoffnung, die Familie bald nachholen zu können: "Ich weiß nicht bis wann. Immer schreiben mir, und Antwort: Warten, warten, warten."

Manchmal kann der Imam nur trösten. Manchmal aber auch schnell helfen, so wie diesem jungen Mann, der mit einem Behördenbrief vor ihm steht: "… So folgende Unterlagen: Auf Ihren Kontoauszügen sind keine Mietzahlungen und Zahlungen für Strom ersichtlich. Bitte weisen Sie nach…" Miete, Strom, Telefonrechnungen, Anträge, Ablehnungen - eigentlich müßten sie im Islamischen Bund ein Übersetzerbüro betreiben.

Der Wunsch nach Erneuerung

DITIB-Merkez-Moschee in Duisburg © imago
Die DITIB-Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh ist eine der größten Moscheen in Deutschland. Sie wurde 2008 eröffnet.

Hinzu kommt der seit mehr als einem Jahr währende Kampf um neue Räume, denn die alte Kita soll bald abgerissen werden. Ersatz fand sich bislang nicht. Im Sommer wurden Fensterscheiben der Moscheeräume eingeschlagen. Die Gemeinde hat es nicht an die große Glocke gehängt. Man sei sich sicher, daß das Einzelne seien und man sich auf die Schweriner verlassen könne.

"Die Menschen in Deutschland, viele sind toll, das muß man sagen. Die haben auch den Flüchtlingen sehr viel geholfen, unabhängig von der Religion. Aber diese Menschen machen leider nicht die Politik. Und da gibt es immer Leute, die in dem schmutzigen Wasser, in dem unklaren Wasser versuchen zu fischen, wie es einige Politiker versuchen. Das ist nicht der Weg. Die Flüchtlinge hier, die Mehrheit, die will was tun. Die sind kreativ. Und die werden sehr viel auch als Muslime für diese Gesellschaft etwas beitragen. Positives beitragen. Da bin ich sicher."

Der Schweriner Imam Mohamed Dib Khanji in der Turnhalle, die als Gebetshaus dient. © NDR
AUDIO: Allah in der Turnhalle (4 Min)
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Die Kuppel des Felsendoms in Jerusalem © NDR

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NDR Kultur | Freitagsforum | 03.02.2017 | 15:20 Uhr

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