Am Morgen vorgelesen

Die Sonnabend-Story: Damals starb Europa

Samstag, 16. Mai 2020, 08:30 bis 09:00 Uhr

Vor 20 Jahren, am 16. Mai 2000, starb der polnische Autor Andrzej Szcypiorski. Geboren wurde er in Warschau am 3. Februar 1928 in einer bildungsbürgerlichen Familie. Als Jugendlicher erlebte er, wie die Deutschen Polen besetzten. 1944 war er am Warschauer Aufstand beteiligt, wurde gefangen genommen und im KZ Sachsenhausen interniert. Diese schrecklichen Erlebnisse während des 2. Weltkrieges prägten sein gesamtes Werk, das überwiegend von Polen, Juden und Deutschen handelt, weshalb er sich auch als "monothematischen Schriftsteller" bezeichnete. Früh schon bemühte sich der Katholik, der von der Abwesenheit Gottes in der Geschichte überzeugt war, um eine deutsch-polnische Aussöhnung, weil er in den Nachbarn nicht nur Besatzer und Mörder sah, sondern auch Menschen. Auch fühlte er sich mit der deutschen Literatur tief verbunden.

Der Text mit dem Titel „Damals starb Europa“ ist in seinem Band "Notizen zum Stand der Dinge" enthalten, der 1990 im Diogenes Verlag erschienen ist. Es ist Szcypiorskis drittes auf Deutsch erschienenes Buch, das Texte, Reflexionen und Thesen aus der Zeit nach dem 13. Dezember 1981 enthält. Das war das Datum, an dem in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde, um die Demokratiebewegung um die Gewerkschaft Solidarnosc, deren Mitglied Szcypiorski war, zu zerschlagen. Für die Gewerkschaft saß er auch bis 1991 als Senator im polnischen Parlament. "Notizen zum Stand der Dinge" ist ein sehr persönliches Buch, in dem sich der Autor für eine kritische und redliche Erinnerungskultur als Voraussetzung der Freiheit einsetzt, sowie für eine selbstkritische Verortung seines Landes in Europa.

Szcypiorski erhielt 1989 den Nelly-Sachs-Preis, der sich der „Verbesserung der kulturellen Beziehungen zwischen den Völkern“ verschrieben hat. Am 30. Mai 1990 war er in Hannover Gast von „Autoren lesen im Funkhaus“ und las aus "Notizen zum Stand der Dinge" diese sehr persönlichen Erinnerung an den Einmarsch der Deutschen in Polen.

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