"Why We Matter": Emilia Roig zeigt Diskriminierungsmuster

Stand: 27.10.2021 08:47 Uhr

Mit ihrem Buch "Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung" ist Emilia Roig, Emilia Roig, Gründerin und Direktorin des Center for Intersectional Justice in Berlin, für den NDR Sachbuchpreis nominiert.

Seit zehn Jahren beschäftigt sich die Politikwissenschaftlerin Emilia Roig mit allen möglichen Formen der Diskriminierung: Rassismus, Sexismus, Homophobie. Sie alle ähneln sich. In ihrem Buch "Why We Matter" zeigt die Französin unbewusste Diskriminierungsmuster auf.

Emilia Roig: "Keine gesellschaftliche Sphäre bleibt unberührt von Unterdrückung"

Vor dem Regal mit den Haarpflegeprodukten: Wo finde ich nur das Shampoo für einen dunklen, krausen Afro? Auf dem Gehweg: Warum weiche so gut wie immer ich, die Frau, den Männern aus? Und wie kunstvoll doch die Treppen in der Elbphilharmonie geschwungen sind! - Blöd nur, dass ich im Rollstuhl sitze. "In der intimen Sphäre, auf dem Arbeitsmarkt, im Bildungssystem, auf der Straße, in den Medien, in der Politik, im Gerichtssaal - es gibt wirklich keine gesellschaftliche Sphäre, die unberührt bleibt von Unterdrückung."

Unter-Drückung. Dafür braucht es ein Oben und ein Unten. Hierarchien. Und unsere Welt ist voll davon, sagt die Politologin Emilia Roig. Wer ist privilegierter? Der schwarze Mann oder die weiße Frau? Das Kind mit den herausragenden Schulnoten oder jenes mit Down-Syndrom? Die heterosexuellen Hausbesitzer mit Kindern oder das schwule Pärchen mit dem Wunsch, eine Familie zu gründen? Dass es ein Oben und ein Unten überhaupt gibt, ist für die meisten von uns nicht einfach nur Realität, sondern Normalität. "Diese Normalität haben wir geschaffen, weil es eben keine universelle, neutrale, naturgegebene Normalität gibt."

"Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung" - konstruierte Normalität hinterfragen

Es ist an der Zeit, diese konstruierte Normalität zu hinterfragen, fordert Emilia Roig. In ihrem Buch versucht sie, die Leserin für die täglichen Entwertungen von Minderheiten zu sensibilisieren. Oft gelingt ihr das mit erstaunlich simplen Beispielen. Wenn ein Kind etwa sagt: "Mama, guck mal, die Frau ist da ist echt dick." Als Mama haben Sie erstmal zwei Möglichkeiten. Sie sagen: "Psst, so was sagt man nicht, das ist nicht nett." Oder aber: "Ja, die Frau ist dick. Es gibt dicke und dünne Menschen und das ist völlig okay."

Entscheiden Sie sich für die erste Antwort, geben Sie dem Kind mit: Dick sein ist ein Makel. Darüber sprechen wir nicht. Diese Haltung geben Sie weiter, selbst wenn Sie gute Absichten haben: Sie möchten die dicke Frau ja nicht in Verlegenheit bringen. Oder anders: Auch wenn wir Hierarchien und Unterdrückungsmechanismen ablehnen, geben wir sie implizit weiter.

Machtstrukturen abschaffen - rigoros!

Darum gehören Machtstrukturen abgeschafft, sagt Emilia Roig. Und zwar rigoros. Will heißen: Weg mit dem Patriarchat, weg mit dem Kapitalismus, mit Rassismus sowieso. Wie kann das gelingen? "Es ist eine konstante Übung. Wir müssen versuchen uns diesen Hierarchien zu entziehen und nicht versuchen, sie zu ersetzen."

Emilia Roig will die Hierarchien also nicht umkehren. Es geht ihr nicht darum, eine neue Herrschaft zu etablieren, die Macht in andere Hände zu geben. Es geht ihr um Gleichberechtigung.

Gleichberechtigung muss nicht Utopie bleiben

Die Wahlberlinerin hätte allen Grund, sich als beleidigte Unterdrückte in den Diskurs einzumischen: Als Tochter eines jüdisch-algerischen Vaters und einer Mutter aus Martinique, als Enkelin eines liebenden, aber auch rassistisch geprägten, Großvaters und noch dazu als spät-erwachende queere Frau hat sie Ausgrenzung auf mehreren Ebenen erfahren. Umso bemerkenswerter, wie sie aus einer gefestigten Position heraus, ganz unaufgeregt agiert. Mehr noch: Ihr Buch hat etwas Umarmendes. Es lädt die Leserin dazu ein, genau hinzuschauen.

In "Why we matter" ruft die Aktivistin gar zu einer solidarischen Menschheitsfamilie auf: "Nur, wenn wir merken, dass die Menschen miteinander verbunden sind und dass diese Trennungen künstliche Trennungen sind, die zu Hierarchien führen, dass wir sie nicht brauchen, können wir weiterkommen. In der Hinsicht kann Spiritualität auf jeden Fall helfen."

Was wie eine schöne neue Welt klingt, muss nicht Utopie bleiben. Zumindest hofft die Leserin das nach dieser schonungslosen, schlüssig formulierten und zugleich optimistischen Lektüre.

Why We Matter - das Ende der Unterdrückung

von Emilia Roig
Seitenzahl:
397 Seiten
Verlag:
Aufbau Verlag
Veröffentlichungsdatum:
Februar 2021
Bestellnummer:
978-3-351-03847-2
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 27.10.2021 | 18:00 Uhr

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