Biologe Frenz über die Zukunft von Natur und Mensch

Stand: 28.10.2021 16:40 Uhr

Der Biologe Lothar Frenz beschreibt in "Wer wird überleben?", wie der Mensch den Widrigkeiten der Natur trotzt: mit fatalen Folgen für die Menschheit selbst. Sein Buch ist für den NDR Sachbuchpreis 2021 nominiert.

von Claas Christophersen

Der Biologe und Naturfilmer Lothar Frenz sorgt sich um die Artenvielfalt, die nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Klimawandels radikal abnimmt. Der Titel seines Buches klingt dramatisch, doch Frenz malt nicht nur schwarz. Er hat auch einen herausfordernden Lösungsvorschlag: Wir Menschen sollten uns Parasiten zum Vorbild nehmen. Seit vielen Jahren reist er um die Welt. Mit seinem Buch zieht er eine Art Bilanz. Es sei ein Streifzug durch sein Leben. "Das beginnt schon in meiner Kindheit: Ich habe viele Expeditionen darin verarbeitet, die ich im Lauf der letzten Jahrzehnte gemacht habe", sagt der Biologe.

 

Der Hamburger Biologe Lothar Frenz hält ein Buch in die Kamera. © NDR
AUDIO: Lothar Frenz stellt die Überlebensfrage (54 Min)
Lothar Frenz © Lothar Frenz
Lothar Frenz ist als Biologe und Journalist für GEO und Naturdokumentationen häufig auf den Spuren der Artenvielfalt. So führten ihn Expeditionen nach Amazonien und Neuguinea, nach Tasmanien, Uganda oder in die Mongolei.

Frenz führt seine Leserinnen und Leser souverän über die verschiedenen Denkpfade, die er in den Dschungel der biologischen Wirklichkeit geschlagen hat. Liebevoll beschreibt er die teils skurrilen Methoden von Artenschützern, die sich Pandakostüme überziehen, damit sich ihre bedrohten Schützlinge nicht allzu sehr an Menschen gewöhnen. Es ist erstaunlich, wie schnell Pflanzen, Tiere und Sümpfe die menschenleere Sperrzone rund um das 1986 havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl zurückerobert haben.

An diesem totgesagten Ort jedenfalls wiegt unsere Abwesenheit - samt Landwirtschaft, Düngung und Pestiziden, Jagd, Abholzung und Verkehr - bislang schwerer als die radioaktive Verstrahlung. Zitat aus dem Buch "Wer wird überleben"

Frenz: "Natur" im Sinne ursprüngliche Landschaft gibt es nicht

Für Frenz ist Tschernobyl ein eindrückliches Beispiel für die Wucht der Natur, die zurückkommt, wenn ihr die Möglichkeit gegeben wird, die aufnimmt, was sie vorfindet, und daraus etwas Neues entstehen lässt. Dabei - und das ist durchaus eine Überraschung in diesem Buch - gibt es so etwas wie "Natur" gar nicht. Jedenfalls nicht im Sinn einer "ursprünglichen Landschaft". Eine solche hatte Frenz einst in einem Gebiet am angeblich "unberührten" Amazonas gesucht: "Der Forscher, mit dem ich dort unterwegs war, zeigte mir dann: 'Ja, dieser Baum hier kommt ursprünglich aus der Karibik, und der kommt von da her'. Die präkolumbischen indigenen Völker haben diesen Wald zu einer Art Kulturlandschaft umgewandelt, in der sie besser leben konnten, und dieser Wald hat sich einfach zurückentwickelt."

"Wer wird überleben": Wir müssen unser Selbstbild ändern

Heute zerstören wir Menschen die Natur eher, als dass wir sie prägen. Frenz verzichtet bewusst darauf, ganz konkrete Forderungen aufzustellen, wie wir unseren Planeten und unsere Zivilisation retten können. Ihm geht es um etwas Grundsätzliches: "Wir müssen unser Selbstbild ändern. Wir reden ja immer vom Homo sapiens, der verständige Mensch, der Homo deus", der die Welt auch genetisch verändert. Wir sind der 'Homo faber', der Ingenieur, der alles schafft. Aber das alles hat uns in die Probleme geführt, in denen wir gerade stecken." Deshalb der herausfordernde Vorschlag von Lothar Frenz:

Wir müssen danach eifern, zum "Homo parasiticus" zu werden. Ein guter Parasit schädigt den Wirt nicht, bei dem er mitisst, den er beraubt, von dem er lebt, den er ausnutzt. Denn das würde sein eigenes Überleben in Frage stellen. Zitat aus "Wer wird überleben"

Mensch trotzt Widrigkeiten der Natur - mit fatalen Folgen

Frenz‘ Leitdilemma - die Rettung eines Blauwal-Pärchens zum Preis des Todes zweier Menschen, - wirkt etwas abstrakt. Mit seiner Reise um den Globus und durch die Welt der schwindenden Artenvielfalt wird es dann aber umso konkreter.

Lothar Frenz zeigt eindrucksvoll, wie stark die menschliche Zivilisation darauf angewiesen ist, den Widrigkeiten der Natur zu trotzen. Und wie gerade das dazu führt, dass wir uns selbst der Grundlage unserer Lebensweise berauben.

Wer wird überleben? Die Zukunft von Natur und Mensch

von Lothar Frenz
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Rowohlt Berlin Verlag
Veröffentlichungsdatum:
20. April 2021
Bestellnummer:
978-3-7371-0054-0
Preis:
24 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.10.2021 | 18:00 Uhr

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