"Offene Grenzen für alle": Eine notwendige Utopie

Stand: 25.10.2021 17:40 Uhr

Der Politikwissenschaftler Volker M. Heins ist für den NDR Sachbuchpreis 2021 nomiert. Sein Buch "Offene Grenzen für alle - eine notwendige Utopie" ist ein Plädoyer für Freizügigkeit.

von Otto Langels

Die Corona-Pandemie hat uns vor Augen geführt, dass grenzenloses Reisen nicht selbstverständlich ist: Nicht nur Fahrten und Flüge in andere Länder waren zeitweise untersagt, Einreiseverbote galten auch innerhalb Deutschlands in einzelnen Bundesländern und Landkreisen.

Was in Europa oder Nordamerika unter Corona-Bedingungen ein Ausnahmezustand war, ist für Menschen in weiten Teilen Afrikas oder Asiens die Regel: Visa-Beschränkungen und engmaschige Grenzkontrollen verhindern Freizügigkeit. Der sogenannte Global Passport Index beurteilt den Wert von Reisepässen nach der Zahl der Staaten, in die man visafrei einreisen kann. Oben auf der Liste stehen aktuell die Vereinigten Arabischen Emirate, Neuseeland, Deutschland und Finnland. Unten rangieren Somalia, Pakistan, Syrien, Irak und Afghanistan. Ein Zustand, den der Essener Politikwissenschaftler Volker M. Heins kritisiert.

Es ist verrückt, dass ein kleiner Teil der Menschheit fast überallhin reisen und sich überall niederlassen kann, während der andere, viele größere Teil zur Sesshaftigkeit verdammt ist. Wer das normal und gerecht findet, kann nicht gleichzeitig ein Hohelied auf die Prinzipien der Demokratie und der Menschenrechte singen. Zitat aus "Offene Grenzen für alle"

Europa und Nordamerika können sich auf Dauer nicht abschotten

Volker M. Heins © Thomas Wieland
Volker M. Heins lehrt Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Er ist Mitbegründer der Akademie im Exil und Mitglied des Rats für Migration.

Autor Volker M. Heins fordert in seiner durchdachten, klug argumentierenden und klar formulierten Darstellung offene Grenzen für alle. Eine sich auf Menschenrechte berufende Staatengemeinschaft in Europa und Nordamerika könne sich auf Dauer nicht durch bürokratische Hürden, hohe Zäune und abschreckende Grenzregime abschotten. Der historische Westen verliere damit nicht nur international an Glaubwürdigkeit, sondern auch innenpolitisch den Anspruch einer offenen Gesellschaft. "Ich argumentiere in dem Buch stark empirisch, dass Länder oder Regierungen, die eine starke Anti-Einwanderungs-Rhetorik fahren, in der Regel auch nach innen an Liberalität verlieren", sagt Heins.

Der Autor vergleicht die Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte mit früheren Wanderungen und hält Europa gewissermaßen den Spiegel vor.

In der Zeit von 1840 bis 1940 sind nicht nur 55 bis 58 Millionen Europäer nach Nord- und Südamerika ausgewandert. Im selben Zeitraum haben sich 48 bis 52 Millionen Inderinnen und Chinesen in Südasien, an den Küsten des Indischen Ozeans und im Südpazifik niedergelassen, während sich beinahe ebenso viele Menschen aus dem Nordosten Asiens und aus Russland auf den Weg machten in die Mandschurei, nach Zentralasien oder Japan.

Offene Grenzen - ein variabler Begriff

Autor Volker M. Heins hat seinem Buch den provokanten Titel "Offene Grenzen für alle" gegeben, dem als Untertitel aber hinzugefügt - "eine notwendige Utopie". Offene Grenzen seien kein höchstes Gut und bedeuteten nicht, dass dem alles andere unterzuordnen sei. "Offene Grenzen heißt ja nicht: 'Gar keine Grenzen. Das ist ein variable Begriff'", schildert Heins. In der Pandemie man natürlich Corona-Infizierte an Grenzen stoppen müssen. "Übrigens teilweise auch an den Grenzen von Landkreisen und Städten."

Alljährlich wird in Deutschland am 13. August der Maueropfer gedacht - die Folgen eines brutalen Grenzregimes. Was aber ist mit den 75.000 Menschen, die dem Autor zufolge von 1996 bis 2020 bei dem Versuch ums Leben kamen, in ein anderes Land zu gelangen? Sind die Migranten selbst schuld, sind sie zynisch als Kollateralschaden der Bewegungsfreiheit zu sehen?

Das Grundbedürfnis der Menschen, Grenzen zu überwinden, lasse sich in modernen Staaten nur unter dem Einsatz massiver und umfassender Gewalt unterdrücken, lautet das ernüchternde Fazit Volker M. Heins‘. Dem hält er seine Utopie entgegen, dass es keine Demokratie und keine liberale Gesellschaft gebe - ohne zumindest eine Perspektive offener Grenzen für alle.

Offene Grenzen für alle. Eine notwendige Utopie

von Volker M. Heins
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Hoffmann und Campe
Veröffentlichungsdatum:
1. April 2021
Bestellnummer:
978-3-455-01067-1
Preis:
22 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.10.2021 | 18:00 Uhr

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