Buchcover "Ground Zero. 9/11 und die Geburt der Gegenwart" © Hanser Literaturverlage

"Ground Zero": Nine Eleven und sein Einfluss auf die Welt

Stand: 19.10.2021 12:19 Uhr

Mit dem Sachbuch "Ground Zero - 9/11 und die Geburt der Gegenwart" ist der Journalist und Kenner der arabischsprachigen Literaturszene Stefan Weidner für den NDR Sachbuchpreis 2021 nominiert.

von Claas Christophersen

Am 11. September 2021 jährten sich die Anschläge auf das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington zum zwanzigsten Mal. Fast dreitausend Menschen kamen durch entführte Passagiermaschinen, die islamistische Selbstmord-Attentäter kontrolliert abstürzen ließen, ums Leben. "Ground Zero" nennen die US-Amerikaner den Anschlagsort in New York.

Stefan Weidner © Stefan Weidner
Stefan Weidner war von 2001 bis 2016 Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Art & Thought". Stefan Weidner lebt in Köln. Bei Hanser erschien 2018 "Jenseits des Westens". Für ein neues kosmopolitisches Denken.

Ein bemerkenswerter Ausdruck, der für so etwas wie verbrannte Erde steht und ursprünglich für einen völlig anderen Ort mit unterschiedlicher Geschichte verwendet wurde, nämlich Hiroshima - die japanische Stadt, auf die die US-Armee 1945 eine Atombombe abgeworfen hatte.

"Ground Zero": Stefan Weidners ernüchterne Bilanz zu 20 Jahren Nine Eleven

"Ground Zero" heißt auch das Buch, dass der Autor, Journalist, Übersetzer und Kenner der arabischsprachigen Literaturszene Stefan Weidner geschrieben hat. Es lief ganz gut in den neunziger Jahren mit dem Literatur-Dialog zwischen Europa und dem arabischsprachigen Raum, erinnert sich Weidner. Dann kamen die Anschläge vom 11. September 2001: "Vorher hatte ich eigentlich vor allen Dingen Literatur gemacht, nach Nine Eleven wurde ich als Islamspezialist gefragt und musste über diese Islamgeschichten Auskunft geben, was mir gar nicht so sehr recht war". Er habe sich teilweise erst mal einarbeiten müssen, so Weidner, weil er nicht mit diesen Fragen gerechnet habe. "Ich fand das einerseits sehr interessant, aber andererseits auch ein bisschen deprimierend, weil das Ganze unter dem Schatten von Nine Eleven geschah".

Nine Eleven prägt das Verhältnis zum Islam bis heute

Ein Schatten legt sich sich auch im zwanzigsten Jahr nach den Anschlägen auf das Verhältnis. In seinem Buch zeichnet Stefan Weidner diesen Schatten überall nach - in kurzen, prägnanten Skizzen, von der Revolution im Iran 1979 bis zu den flüchtlings- und islamfeindlichen Morden der letzten Jahre in Deutschland. Im Zielland der Anschläge, den USA, analysiert Weidner, verstärkten die Angriffe Tendenzen, die letztlich zur Wahl Donald Trumps führten.

Das liege daran, "dass mit Nine Eleven eigentlich das Grundvertrauen der meisten Amerikaner, das es in diesen Staat noch gab, erschütterte. Der Staat war nicht in der Lage, seine eigenen Bürger zu schützen", wohingegen Bürgerinnen und Bürger in vielen Ländern des Nahen Ostens ihre Staaten aus ganz anderen Gründen satt hatten. Zehn Jahre nach Nine Eleven brach der "Arabische Frühling" los: ein Aufstand gegen Regime, die Europa und die USA zuvor durch Sicherheitspartnerschaften gestützt hätten, wie Weidner schreibt. Nun hätten die westlichen Staaten gezögert, die wirklich fortschrittlichen Kräfte der versuchten Revolutionen zu unterstützen: Sie seien schlicht zu progressiv, zu sozialdemokratisch oder sozialistisch - zu wenig auf die liberale Freiheit im westlichen Sinn ausgerichtet.

Eine Revolution, die nur Freiheit, aber keine soziale Gerechtigkeit bringt, ist in ärmeren und weniger entwickelten Ländern bestenfalls eine Revolution für Reiche. Was die breite Masse der Bevölkerung betrifft, ist sie den Aufwand nicht wert. Zitat aus dem Buch

Plädoyer für eine kosmopolitische Perspektive

So kenntnisreich Weidner das gesellschaftliche und politische Geschehen im Nahen Osten kommentiert, so verkürzt wirkt es, wenn er Nine Eleven für alle möglichen bedenklichen Entwicklungen wie den Rechtspopulismus verantwortlich macht. Umso mehr überzeugt am Ende des Buches Weidners Plädoyer für eine kosmopolitische Perspektive.

Einerseits ginge es darum, sich möglichst für die Sichtweise anderer offenzuhalten, meint Weidner. "Es geschieht, indem man fremde Literatur liest, eines der besten, einfachsten und schönsten Mittel, aber auch, indem man fremde Filme sieht. Es verbindet sich damit aber auch eine konkrete politische Vision, die für mich erst mal dadurch geprägt ist, dass man nicht versucht, die anderen mehr oder weniger übers Ohr zu hauen."

Oder sie als Feinde zu bekämpfen. Stefan Weidner zeigt eindringlich, dass diese Strategie von NATO und USA im Anti-Terror-Kampf gescheitert ist. Es ist ein langer Weg zurück zu dem geworden, was für Weidner vor den Anschlägen vom elften September begonnen hatte: ein friedlicher, gleichberechtigter Kulturaustausch.

Ground Zero - 9/11 und die Geburt der Gegenwart

von Stefan Weidner
Seitenzahl:
256 Seiten
Verlag:
Hanser Literaturverlage
Veröffentlichungsdatum:
25. Januar 2021
Bestellnummer:
978-3-446-26933-0
Preis:
23 €

Dieses Thema im Programm:

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