Buchcover "Alle drei Tage - Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen" © DVA

"Alle drei Tage": Warum Männer Frauen töten

Stand: 19.10.2021 14:44 Uhr

Mit ihrem Sachbuch "Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen" sind Laura Backes und Margherita Bettoni für den NDR Sachbuchpreis 2021 nominiert. Die 200 Seiten sind schwere Kost.

von Alexandra Friedrich

"Das folgende Buch enthält Schilderungen sexualisierter Gewalthandlungen, die belastend und retraumatisierend wirken können." Mit diesem Warnhinweis mussten Bettoni und Backes ihr Sachbuch versehen: Darin beleuchten sie anhand schockierender Fälle die Fragen, warum Männer Frauen töten und was dagegen getan werden kann.

Nadja Yousfi ist 41 Jahre alt und lebt mit ihren Kindern in Rüsselsheim. Ihr Ex-Ehemann hat sie mit einer Machete angegriffen, sie gewürgt und schließlich in Brand gesteckt. Zitat aus dem Buch "Alle drei Tage"

Nadja Yousfi berichtet im Buch, wie es zum Angriff kam: "Als er zurückkam, breitete er in aller Ruhe eine dunkelblaue Plastikfolie auf dem Bett aus. "Was machst Du da?", habe sie gefragt. Seine Antwort lautete: "Damit es keine Blutspritzer gibt."

Ein weiteres Beispiel ist das von Kader K. Ihr Sohn hat seit dem Angriff ihres Ex-Mannes 2016 "Albträume und fürchtet sich im Dunkeln", erzählt sie.

Kader K. ist 32 Jahre alt und lebt mit ihrem Sohn in Hameln. Ihr Ex-Mann stach 2016 mit einem Messer auf sie ein, spaltete ihren Kopf mit einer Axt, legte ein Seil um ihren Hals, das er an der Anhängerkupplung seines Autos befestigte, fuhr los und schleifte sie mehrere Hundert Meter durch die Straßen. Zitat aus dem Buch "Alle drei Tage"

Alle drei Tage gelingt in Deutschland ein Femizid

Laura Backes © Johannes Mitterer
Laura Backes lebt in Hamburg und arbeitet seit 2016 beim SPIEGEL. Sie hat regelmäßig über sexuelle Gewalt und Gewalt gegen Frauen berichtet.

Nadia Yousfi und Kader K. sind noch mal mit dem Leben davon gekommen. Aber alle drei Tage gelingt in Deutschland ein Femizid, wird eine Frau - zumeist von ihrem Partner oder Expartner - getötet. Diese bittere Statistik ist titelgebend für das neue Buch von Margerita Bettoni und Laura Backes. Für "Alle drei Tage" haben die beiden Journalistinnen zahlreiche internationale Studien und Fachliteratur zu Gewalt an Frauen ausgewertet und mit Angehörigen sowie einem geläuterten Gewalttäter gesprochen.

Den Fokus und roten Faden des Buches bilden aber die detaillierten Schilderungen der Grausamkeiten, die Opfer erlebt und überlebt haben. Sie zu lesen, ist schwer auszuhalten, aber notwendig - findet Laura Backes. Margerita Bettoni: "Es ist ja nun mal so. Die Realität ist so. Und wenn man über die Opfer schreibt und nicht nur über die Täter, dann muss man deren Geschichte schildern und die sind leider sehr häufig total dramatisch."

Margerita Bettoni: Femiziden viel zu wenig Beachtung geschenkt

Aus Sicht der Autorinnen wird den Opfern und generell dem Thema Femizide viel zu wenig Beachtung geschenkt - zumindest in Deutschland, erklärt Margerita Bettoni: "Es ist anders in anderen Nachbarländern, wie etwa zum Beispiel Frankreich, Spanien oder Italien. Ich finde es wichtig, dass man sich vor Augen führt, dass es tatsächlich ein strukturelles Problem ist, dass dahinter auch eine Art Mentalität steckt."

Mangel an Präventionsarbeit, Fehler in der Gesetzgebung

Zu häufig würden Femizide als traurige Einzelfälle, "Familientragödien" oder "Beziehungsdramen" dargestellt. Für Bettoni und Backes handelt es sich aber um eine grundlegende und vielschichtige Problematik: Neben der Bagatellisierung in breiter Öffentlichkeit und persönlichem Umfeld enthüllen die Autorinnen einen Mangel an Täter- und Präventionsarbeit, Fehler in Gesetzgebung und Rechtssprechung oder auch Versagen von Polizei und Jugendämtern.

Kader K. erzählt: "Ich ging also zur Polizei, die wie erwartet reagierte und mich fragte: 'Und was können wir da machen?'."

Rania Idrissi: "Doch das Jugendamt unternahm nichts weiter. Mein Wunsch auf das alleinige Sorgerecht wurde nicht befürwortet. Schließlich würden sich die Aggressionen nicht gegen die Kinder richten." Zitat aus dem Buch "Alle drei Tage"

Margherita Bettoni © Johannes Mitterer
Margherita Bettoni wurde 1987 in Italien geboren. Sie ist Investigativjournalistin mit den Schwerpunkten Organisierte Kriminalität und sexualisierte Gewalt.

Das berichtet Rania Idrissi, eine weitere der fünf überlebenden Frauen, deren persönliche Geschichten den zitierten Statistiken im Buch Gesichter geben und dieses fundiert recherchierte Buch so besonders eindringlich machen.

Ob die Autorinnen damit "die Richtigen" erreichen? Ob es ihnen gelingt, in Deutschland einen Diskurs anzustoßen, wie es ihn in anderen europäischen Ländern schon gibt? Es wäre Kader K., Nadia Yousfi, Rania Idrissi - und uns allen - zu wünschen.

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"Alle drei Tage- Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen"

von Laura Backes und  Margherita Bettoni
Seitenzahl:
208 Seiten
Verlag:
Deutsche Verlags-Anstalt
Veröffentlichungsdatum:
1. März 2021
Bestellnummer:
978-3-421-04874-5
Preis:
20 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 21.10.2021 | 18:00 Uhr

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