Stand: 15.09.2020 00:04 Uhr

75 Jahre Jessye Norman

von Friederike Westerhaus

Die legendäre Sopranistin Jessye Norman wurde von Fans in aller Welt bejubelt. 2006 bekam sie den Grammy für ihr Lebenswerk. Eine umtriebige Frau auch über die Musik hinaus: In Augusta gründete sie eine "School of the Arts", um Jugendlichen die Künste näher zu bringen. Am 30. September 2019 starb sie in New York, kurz nach ihrem 74. Geburtstag. Am Dienstag wäre Jessye Norman 75 geworden.

Für Jessye Norman war das Singen wie Atmen: ganz natürlich. "Meine Eltern haben mir gesagt, dass ich sang, sobald ich überhaupt sprechen konnte", erinnerte sich Norman und fügte hinuz: "Und es ist nicht normal, dass ein Kind mit zwei Jahren sowas singt. Aber ich hab was im Radio gehört und es einfach nachgemacht."

Der Durchbruch kam mit Tannhäuser

Spirituals - das war die Musik, die sie vor allem hörte. Und die sie ihr Leben lang prägen sollte. Ursprünglich wollte Norman Ärztin werden, doch die Musik ließ sie nicht los. 1968 der entscheidende Schritt: Sie gewann überraschend den ARD Musikwettbewerb in München - am Abend ihres 23. Geburtstags. Schon ein Jahr später sang sie die Elisabeth in Wagners "Tannhäuser" in Berlin; ihr internationaler Durchbruch.

Ob Covent Garden in London, die Mailänder Scala oder die Met: Jessye Norman eroberte die Bühnen der Welt. Einfach war es nicht immer - auch wegen ihrer Hautfarbe. "Man erlebt negative Erfahrungen jeden Tag", so Norman: "Aber die Farbe einer Haut hat sehr wenig damit zu tun, was da drin ist als Mensch."

"Jeden Abend gebe ich alles"

Carolin Emcke steht lachend vor einem Vinylregal. © NDR Foto: Mischa Kreiskott
AUDIO: Carolin Emcke über Konzerterlebnisse mit Jessye Norman (16 Min)

Das, was sie bei der Musik im Innersten bewegte, brachte sie auf die Bühne. Ob sie Purcells "Dido", die "Ariadne" von Strauss, Verdi oder Wagner sang - sie wirkte ganz und gar authentisch. Ihre Ausdruckspalette war mitreißend, ihre Stimme enorm strahlend, und dabei warm und weich. Sie traf direkt ins Herz. "Jedes Mal, wenn ich auf der Bühne stehe, gebe ich alles, was ich an dem Abend habe. Ich denke nicht, wo ich in drei Tagen sein muss. Und ich denke, es soll so sein. Warum denn nicht? Das Leben ist eigentlich ganz kurz", sagte Norman einmal.

Neben Mahler und Schönberg auch Jazz

Sopranistin Jessye Norman © dpa Picture Alliance / abaca
AUDIO: Vor 75 Jahren: Jessye Norman wird geboren (4 Min)

Auch als Konzert- und Liedsängerin gehörte sie zu den Besten, unvergessen ihre Interpretationen von Mahler und Schönberg. Und der Jazz begleitete sie ihr Leben lang. "Ich trainiere jeden Tag", beschrieb Norman ihre professionelle Einstellung, "das habe ich immer gemacht. Ich mache ein bisschen Yoga, dann kommt das Einsingen. Obwohl ich im Hotel bin und die Leute fragen: 'Na was passiert denn da? Das ist doch kein Lied, was macht sie überhaupt?' Sie müssen ja meinen, ich muss verrückt sein. Aber das muss ich ja machen!"

"Solange ich überhaupt stehen kann und die Stimme mitmacht, möchte ich singen", sagte Norman einst. Im Oktober 2019 ist die grandiose Stimme der legendären Sängerin für immer verstummt. Durch ihre zahlreichen Aufnahmen bleibt sie unvergessen.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 15.09.2020 | 06:40 Uhr

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