Schauspielerin Toini Ruhnke aus dem Ensemble des Thalia Theaters. © Armin Smailovic Foto: Armin Smailovic

Bei Anruf Theater: So besonders sind die Begegnungen am Telefon

Stand: 15.12.2020 10:25 Uhr

Theater am Telefon - wie funktioniert das? Ensemblemitglieder des Thalia Theaters berichten über ihre bisherigen Erfahrungen mit der Aktion "Kultur trotz Corona - Rendezvous im Advent".

Bei Anruf Theater, heißt es am vierten Adventswochenende, denn NDR Kultur und das Hamburger Thalia Theater vermitteln Ihnen Theater per Telefon. Schauspielerinnen und Schauspieler rufen Sie an und lesen Ihnen kurze Texte vor. Das Ensemble des Thalia Theaters hat in den vergangenen Tagen schon erste Telefon-Erfahrungen gesammelt, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Hamburger Institutionen und Vereinen.

Weitere Informationen
Ein altes Telefon steht auf einer Holzfläche, der Hörer ist abgenommen. © photocase Foto: pixelklex

Bei Anruf Theater!

Vorhang auf! NDR Kultur lässt Ensemblemitglieder aus dem Thalia Theater bei Ihnen in der Vorweihnachtszeit anrufen. mehr

Ein außergewöhnliches Theater-Erlebnis für beide Seiten

"Fremde Leute anrufen, musste ich mich dann auch überwinden, das tat aber irgendwie auch gut", sagt Toini Ruhnke ein wenig nachdenklich. Denn Hindernisse zu überwinden sei nun einmal Teil ihres Berufes. Die 27-Jährige mit den wilden roten Locken gehört seit gut zwei Jahren zum Ensemble des Thalia Theaters und hatte bisher über den Verein "Freunde alter Menschen" vor allem mit alten Damen Kontakt. Das Eis war jeweils schnell gebrochen: "In den Gesprächen habe ich festgestellt, dass es mir eigentlich genauso wie den alten Damen ging: Auch ich saß meistens allein zu Hause und habe mich gefreut, mit fremden Menschen zu reden. Die meinten immer: 'Dankeschön, dass sie das machen.' Aber ich habe da auch etwas von."

Zwei Premieren hat sie gehabt, gleich zu Beginn der Saison, aber seit November nicht mehr auf einer Bühne gestanden, denn die Proben für die nächste Produktion haben noch nicht begonnen. Wie können wir Schauspielerinnen und Schauspieler und das Publikum trotzdem zusammenbringen? Diese Frage beschäftigt Joachim Lux, den Intendanten des Thalia Theaters, schon seit Monaten. Im Frühjahr lasen Ensemblemitglieder Gedichte und stellten sie online, doch Lux wollte mehr und beschloss: Wir machen Kultur to go.

Die Kunst mit dem Sozialen verbinden

Nur wie? Kultur passt in keinen Pappbecher und eine Versammlung auf der Straße sollte man auch nicht provozieren. "Dann machen wir wenigstens eine Telefonambulanz", dachte sich Lux, "aber eben eine künstlerische, eine Poesieambulanz. Wobei für mich ganz wichtig ist: Wir machen Kunst, das ist der Kern unserer Arbeit, aber der Kern unserer Arbeit ist auch das Soziale. Wir engagieren uns für Menschen, die in Not sind, die einsam sind, die in einer besonderen Situation sind. Und denen machen wir ein Gesprächs- und ein Literaturangebot."

André Szymanski © Armin Smailovic Foto: Armin Smailovic
André Szymanski wird als einer von sechs Schauspielern und Schauspielrinnen am kommenden Wochenende für Sie am Telefon sitzen.

Die Reaktion auf die ersten Telefonkontakte sei überwältigend gewesen, sagt Lux. André Szymanski freut sich deshalb schon auf seinen ersten Einsatz. Ihn kennt man nicht nur von der Bühne, sondern auch aus vielen Filmproduktionen. Doch das hier sei schon eine besondere Herausforderung, findet er: "Ich habe erst mal das Wochenende damit verbracht, Literatur rauszusuchen und mich damit beschäftigt. Da geht's ja um Inhalte und Länge und was sich eignet. Ist es lustig, ist es tragisch oder wird's weihnachtlich?"

Er gehört zu den sechs Schauspielerinnen und Schauspielern, die am Wochenende ins NDR Kultur Studio kommen und von hier aus Hörerinnen und Hörer anrufen und Texte vortragen. Toini Ruhnke übrigens auch. Bisher hat sie Kurzgeschichten vorgelesen, unter anderem von dem Poetry Slammer Patrick Salmen. In einer geht es um einen Kapitän, der die Dinge anders wahrnimmt als seine Umwelt, in einer kleinen grünen Gießkanne beispielsweise einen Elefanten sieht. "Eine der Damen sagte, dass ihr erzählt wurde, sie solle sich vorstellen, dass ein kleiner Babyelefant zwischen den Mitmenschen stehe, damit sie sich die Abstandsregeln besser merken kann. Und das fand ich so ein niedliches Bild, dass ich meinte, das übernehme ich jetzt auch", erzählt Ruhnke. "Ich finde das so schön! Viel schöner als: Du musst jetzt weit weg bleiben. Was sind eigentlich zwei Meter? Stattdessen so ein kleiner Elefant und der trottet da so rum, ich finde das wunderbar!"

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kultur trotz Corona | 15.12.2020 | 10:20 Uhr

NDR Kultur Livestream

Klassisch in den Tag

06:00 - 08:30 Uhr
Live hörenTitelliste