Stand: 13.07.2020 12:34 Uhr

Musikfest: Herausragende Konzerte in Lockenhaus

von Marcus Stäbler

Für die New York Times gehört das Kammermusikfest in Lockenhaus zum Europäischen Kulturerbe. Seit der Gründung durch Gidon Kremer im Jahr 1981 ist das burgenländische Dorf nahe der ungarischen Grenze ein Schauplatz aufregender Begegnungen. Daran hat sich auch unter der Intendanz von Nicolas Altstaedt nichts geändert. 2020 war das Kammermusikfest das erste in Österreich, das unter den neuen Sicherheitsbestimmungen stattfinden konnte.

Tägliches Fiebermessen und vorab ein Corona-Test bei allen Künstlerinnen und Künstlern und im Publikum der in Österreich vorgeschriebene Sicherheitsabstand von einem Meter zwischen den Sitzplätzen in der barocken Pfarrkirche - das waren die Bedingungen, unter denen das Kammermusikfest Lockenhaus in diesem Jahr statt finden durfte.

Gidon Kremer: "Man erkennt den Wert von Musik"

In der Wallfahrtskirche St. Nikolaus in Lockenhaus (Österreich) wird ein Konzert gespielt © NDR/Marcus Stäbler
Bei den Konzerten in der Wallfahrtskirche St. Nikolaus musste ein Sicherheitsabstand von einem Meter eingehalten werden.

Der Zusatzaufwand und die Einschränkungen haben sich mehr als gelohnt, das ist ganz klar. All das, was das Kammermusikfest Lockenhaus schon immer auszeichnet - das internationale Topniveau der Interpreten, die Musizierlust und eine glühende Leidenschaft - war in diesem Jahr in besonders konzentrierter Form zu erleben. Etwa bei einer eindringlichen Aufführung des Klavierquintetts von Alfred Schnittke, mit Interpreten aus verschiedenen Generationen um den Geiger und Festivalgründer Gidon Kremer, der nach der coronabedingten Zwangspause eine Veränderung beobachtet: "Ich glaube, man erkennt den Wert von Musik noch mehr, man vertieft sich noch mehr in die Möglichkeiten Musik wahrzunehmen."

Corona-Pause hatte auch Vorteile

Die Intensität war förmlich mit Händen zu greifen. Als elektrisierendes Spannungsfeld zwischen Musikerinnen und Musikern, die endlich wieder öffentlich spielen dürfen und einem Publikum, das jeden Ton mit höchster Wachsamkeit und Disziplin aufnimmt. So wenig Nebengeräusche und so eine fokussierte Stille im Konzert sind eine Wohltat. Trotz aller Schwierigkeiten und teilweise dramatischer Zustände in der Kulturbranche hatte die mehrmonatige Corona-Starre ihre guten Seiten - auch für die norwegische Geigerin Vilde Frang: "Ich spüre, wenn ich spiele, dass ich eine gute und lange Pause hatte. Deshalb habe ich persönlich das Gefühl, dass ich meine Energie wieder aufgeladen habe."

Vilde Frang interpretiert Beethoven

Die Geigerin Vilde Frang spielt auf ihrem Instrument © (c) dpa Foto: Vladimir Vyatkin
Die norwegische Geigerin Vilde Frang hat von ihrer Corona-bedingten Pause auch profitiert.

Vilde Frang gehört seit einigen Jahren zu den prägenden Persönlichkeiten beim Kammermusikfestival in Lockenhaus. In der vergangenen Woche zeigte sie ihren außergewöhnlichen Feinsinn und Farbreichtum etwa in einer packenden Interpretation des G-Dur-Streichtrios von Beethoven mit dem britischen Bratscher Timothy Ridout und dem Cellisten und Intendanten Nicolas Altstaedt. Die Werke von Beethoven bildeten einen Schwerpunkt im Programm von Nicolas Altstaedt.

Aufregende Beethoven-Interpretationen

Die Entdeckerfreude leuchtete in aufregenden Beethoven-Interpretationen von Altstaedt selbst, vom Pianisten András Schiff oder der Geigerin Patricia Kopatschinskaja. Sie offenbarte sich aber auch in den Aufführungen wenig bekannter Werke. Darunter Kompositionen von Bohuslav Martinu, Bernd Alois Zimmermann und Nikos Skalkottas oder das frühe Klavierquartett von Béla Bartók, wiederentdeckt und mitreißend musiziert vom jungen Notos Quartett.

Mit einer selbst für Lockenhauser Verhältnisse außergewöhnlichen Dichte an herausragenden Konzerterlebnissen bestärkte das Festival seinen legendären Ruf und demonstrierte beispielhaft, wie wichtig und beglückend die echte Begegnung von Musikern und Publikum sein kann. Gerade, wenn man lange auf sie verzichten musste.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 13.07.2020 | 15:20 Uhr

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