Ein junger Mann steht vor einem roten Hintergrund und wird von hinten angestrahlt. © © Silviu Ghetie Foto: Silviu Ghetie

Filmtipp: "Uppercase Print" - ein Staat fühlt sich bedroht

Stand: 17.02.2021 17:26 Uhr

Der Dokumentarfilm "Uppercase Print" von Regisseur Radu Jude rekonstruiert einen erschütternden Fall im Rumänien zur Zeit von Nicolae Ceaușescu. Nun ist er auf der Streamingplattform MUBI zu sehen.

Ein junger Mann steht vor einem roten Hintergrund und wird von hinten angestrahlt. © © Silviu Ghetie Foto: Silviu Ghetie
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von Katja Nicodemus

"Uppercase Print" - Originaltitel "Tipografic majuscul", rumänisch für Großbuchstabe - heißt ein Film des rumänischen Regisseurs Radu Jude, der im vergangenen Jahr in der Sektion "Forum" auf der Berlinale lief. In Großbuchstaben geschrieben waren die regierungskritischen Graffitis, die zu Beginn der 1980er Jahre auf öffentlichen Gebäuden einer rumänischen Provinzstadt auftauchten. Der Film handelt von einem Staat, der sich selbst feiert, mit Aufmärschen, Paraden und Massenveranstaltungen. Ein Staat, der glaubte, sein Volk mit einem Geheimdienst namens Sekuritate vor sich selbst schützen zu müssen. Dies ist auch ein Film über einen 17-jährigen Jungen, von dem sich der Staat bedroht fühlte.

Regisseur Radu Jude rollt authentischen Fall auf

In seinem inszenierten Dokumentarfilm "Uppercase Print" rollt der rumänische Filmemacher Radu Jude einen authentischen Fall auf: 1981 werden in der rumänischen Kleinstadt Botosani im Nordosten des Landes Graffitis an Häuserwänden, an Fabriken und Verwaltungsgebäuden entdeckt. Es sind leicht krakelige Kreideinschriften in Großbuchstaben. Die Inschriften fordern ihre Leserinnen und Leser zum Umdenken auf. Es wird Freiheit gefordert, Solidarität mit den rebellierenden Gewerkschaften in Polen. Die Inschriften sagen: Wir wollen die Korruption und Ungerechtigkeit in unserem Land nicht mehr. Es wird auf die Nahrungsknappheit in Rumänien verwiesen, auf die langen Schlangen vor den Geschäften, auf den maroden Staat. Autor der Botschaften ist der 17-jährige Schüler Mugur Călinescu.

Auf der Jagd nach einem Täter

Radu Jude stellt diese Geschichte in einem Filmstudio nach. Vor reduzierten Kulissen verlesen Darstellerinnen und Darsteller Protokolle. Ein Mitarbeiter der Sekuritate zählt auf, welche Maßnahmen gegen die Graffitis unternommen werden: Um den Täter zu finden, wurden 30.000 Schriftproben entnommen und eine forensische Untersuchung in Auftrag gegeben. 30 Informanten und unzählige Polizisten wurden aktiviert, die Rede ist von aufwiegelnden, feindseligen Schriften. Der Fall wird groß und größer. Es wird ein Riesenfall.

Eine Art Leitmotiv des Films sind Werbespots des rumänischen Staatsfernsehens, die eine heile Welt des Friedens und Wohlstands sowie der unzähligen Produkte beschwören. In Kochsendungen werden Rezepte vorgestellt, der Mitarbeiter einer Kühlschrankfabrik präsentiert stolz die neuesten stromsparenden Modelle. Der 17-jährige Mugur Călinescu wird als Täter gestellt. Radu Jude lässt die Berichte der Beamten rezitieren, die von der Verhaftung berichten, als handle es sich um die Festsetzung eines gefährlichen Terroristen. Und der Junge selbst kommt durch die aufgezeichneten Vernehmungsprotokolle zu Wort.

"Uppercase Print" zeichnet ein komplexes Bild der Überwachung

Mugur erzählt in diesen Protokollen, dass er durch die Sendungen von Radio Free Europe zu seinen Graffitis motiviert worden sei. Er habe diese Berichte mit der rumänischen Wirklichkeit verglichen und daraufhin den Entschluss gefasst, auf die Missstände in seinem Land hinzuweisen. Der Dokumentarfilm zeichnet ein komplexes Bild der Überwachung, einer in die Mikrostrukturen der rumänischen Gesellschaft hineinreichenden Repression. Mugurs Schulkameraden kommen zu Wort, die ihn denunzieren. Der von der Mutter getrennte Vater gibt seiner Ex-Frau die Schuld, den Sohn falsch erzogen zu haben. Eine staatliche Kommission hält eine Art Gericht ab und verlangt, den Schüler hart zu bestrafen. Ein erschütterndes Bild setzt sich zusammen aus Abhörprotokollen, Schriftsätzen, Dokumenten. Derweil tanzt im rumänischen Fernsehen das Staatsballett in mexikanischen Kostümen.

Mugur Călinescu starb 1985 mit nur zwanzig Jahren an Leukämie. Im Film äußert seine Mutter den Verdacht, dass er von der Sekuritate vergiftet worden sei. Bei jeder der vielen Vernehmungen habe man ihren damals 17-jährigen Sohn gezwungen, einen großen Becher Kaffee zu trinken. Vielleicht sei er auch mit der gleißenden Lampe verstrahlt worden, der er dort ausgesetzt worden sei. Eine vom Film protokollierte gerichtliche Untersuchung, die Jahre nach dem Sturz des Regimes stattfand, bringt keine Aufklärung. Radu Judes "Uppercase Print" erinnert an einen Jungen, der die Schwäche eines Staates zeigte und mit dessen gnadenloser Brutalität konfrontiert wurde. Der zum Helden wurde, obwohl er es gar nicht sein wollte.

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Uppercase Print

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2020
Produktionsland:
Rumänien
Regie:
Radu Jude
Länge:
128 Minuten
Kinostart:
Auf der Streamingplattform MUBI zu sehen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.02.2021 | 07:20 Uhr

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