Christina Morina © Random Verlag Foto: Rebke Klokke

1989: Die Revolution wirft ihre Schatten

Stand: 01.10.2019 17:19 Uhr

Die Historikerin Christina Morina erlebte den Mauerfall noch als Kind in der DDR. Für sie ist der Mauerfall vor 30 Jahren ein tiefer Einschnitt in der deutschen Demokratiegeschichte.

von Christina Morina

Christina Morina © Random Verlag Foto: Rebke Klokke
Christina Morina erlebte den Mauerfall als Kind in der DDR.

Die Revolution vom Herbst 1989 hat keine Kinder, sondern mündige Bürgerinnen und Bürger entlassen - im Osten. Im Westen, wo die Leute schon lange mündig waren - oder zumindest sein durften -, wurde sie mit viel Verwunderung und deutlich weniger Euphorie verfolgt. Damit war in wenigen Wochen das lange Ende der deutschen Teilung eingeleitet worden, ein von Anfang an ebenso aufregender wie schwieriger gesellschaftlicher Prozess. Dieser Prozess ist ganz offensichtlich noch immer nicht abgeschlossen, und es sind ja, das wird oft vergessen, seither zwar 30 Jahre, aber doch nur eine Generation vergangen. Das "Zusammenwachsen" der Deutschen in Ost und West, von dem Willy Brandt damals sprach, war eine Zukunftsutopie, die das im Grunde Unmögliche verhieß: eine nationale Harmonie, die es nicht nur niemals zuvor gegeben hat, sondern die auch merkwürdig quer lag zum Selbstverständnis der alten Bundesrepublik als pluraler und hochausdifferenzierter Gesellschaft. Wohl nicht zufällig sprach Brandt in vielen anderen Reden und Gesprächen jener Zeit denn auch viel häufiger - und realistischer - vom "Zusammenrücken" der Deutschen.

Ein Ausdruck von Hilflosigkeit

Heute, fast drei Jahrzehnte später, stellt sich die Frage, inwiefern die von dem Historiker Jürgen Kocka seinerzeit so bezeichnete "Vereinigungskrise" der 90er-Jahre in eine Demokratiekrise geführt hat, die mit dem Aufstieg der AfD und der beispiellosen Polarisierung von Politik und Gesellschaft in den letzten Jahren manifest geworden ist. Die sogenannte "Lage" in Ostdeutschland spielt dabei eine besondere Rolle, oft eine besonders beunruhigende. Doch die Mischung aus Sorge, Abwehr und Anbiederung, mit der darüber in diesen Wochen in der Öffentlichkeit diskutiert wird, ist nicht nur nicht hilfreich, sondern zu allererst ein Ausdruck von Hilflosigkeit.

So wird viel über die Enttäuschungen, die unterschätzten "Leistungen" und das Bedürfnis nach "Anerkennung" in den ostdeutschen Ländern gesprochen - wieder, muss man sagen. Denn seit 1989 hat es einen niemals versiegenden Strom an persönlichen Erzählungen, Sonntagsreden, Fach- und Zeitungstexten, Romanen und Filmen gegeben, in denen die Erfahrungsgeschichten der Ostdeutschen vor und nach dieser Zäsur thematisiert worden sind. Manchmal polemisch und diffamierend, ja, aber sehr häufig auch differenzierend, einfühlsam und somit im besten Sinne des Wortes anerkennend. An derartigen Thematisierungen mangelte es also nicht. Es mangelte in der größer gewordenen Bundesrepublik auf lange Sicht auch durchaus nicht an empathischem Verständnis-Willen. Eher sollte man zugestehen, dass ein gewisses Desinteresse West an ostdeutschen Lebensgeschichten im Osten in einer mindestens ebenso großen Gleichgültigkeit gegenüber "rein" westdeutschen Erfahrungen seine Entsprechung hatte und bis heute hat.

Ein tiefer Einschnitt in der deutschen Demokratiegeschichte

Doch jenseits dieser Anerkennungs- und Defizitdiskurse mangelt es an politischem Verständnis-Willen. Es fehlt ein analytisches Interesse an den historisch gewachsenen Selbstverständnissen der Leute als "Bürgerinnen" und "Bürger", an ihren Grundüberzeugungen im Hinblick auf ihren Platz in einer "demokratisch" verfassten Zivilgesellschaft und ihrem Denken über "den Staat" und dessen normative Grundlagen. Dabei werden die von unterschiedlichen geschichtlichen Erfahrungen geprägten Kernbegriffe unseres politischen Miteinanders - "Bürger", "Demokratie", "Staat" - in diesem innerdeutschen Dauerselbstgespräch allzu oft mehrdeutig gebraucht oder bleiben gänzlich unbestimmt. Damit fördern sie nicht Verständnis, sondern Missverständnis.

Das haben nicht zuletzt die intelligenteren Köpfe bei Pegida und in der AfD verstanden. Oder sie haben es zumindest verstanden, sich diesen Umstand zunutze zu machen. Ihr Erfolg - nicht nur, aber übermäßig stark im Osten - markiert einen tiefen Einschnitt in der deutschen Demokratiegeschichte. Sie knüpfen systematisch an diverse Bürgerbewegungs- und Widerstandstraditionen an, berufen sich auf das "Volk" oder gar auf "Wir sind das Volk", den Wiegenvers der Friedlichen Revolution, und unterfüttern damit effektvoll ihre autoritär-plebiszitären Politikentwürfe. So hat es die politische Rechte erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik wieder geschafft, bis weit in die Mitte hinein Nichtwähler, Protestwähler und "gutbürgerliche" Wähler zu mobilisieren - in Zahlen, die dieser systemskeptischen und in Teilen offen systemfeindlichen selbsternannten "Volksbewegung" eine nie dagewesene Wucht verschaffen.

Bleibende Lichtpunkte und dunkle Schatten

Diese Entwicklung ist nur aus einer deutsch-deutschen Perspektive zu verstehen. In der in der Mitte salonfähig gewordenen "Neuen Rechten" sind ost- und westdeutsche Traditionen auf eine Weise zusammengewachsen, die sich fundamental von jener Utopie unterscheidet, die Brandt 1989 unter dem Eindruck der gestürzten Berliner Mauer vor Augen stand. Zugleich befriedigt die AfD in ihrer politischen Kommunikation, Programmatik und Parteiarbeit vor Ort, gerade in Ostdeutschland, sehr spezifische Partizipations- und Zugehörigkeitsbedürfnisse, die in einem auf repräsentativdemokratische Verfahren bauenden Gemeinwesen bislang zu wenig Beachtung beziehungsweise Anschluss gefunden haben.

Erfahrungen mit und Erinnerungen an 1989 spielen in dieser Gemengelage eine zentrale und eben sehr ambivalente Rolle. Sie sind einerseits bleibende Lichtpunkte in der deutschen Demokratiegeschichte. Andererseits werfen sie aber auch lange und mancherorts wirklich dunkle Schatten.

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NDR Kultur | Journal | 02.10.2019 | 09:20 Uhr

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