Familien laufen mit ihren Laternen beim Sankt-Martins-Umzug mit. © dpa Themendienst | Mascha Brichta Foto: Mascha Brichta

Mehr Licht! Die dunkle Jahreszeit heller denken

Stand: 20.11.2021 09:17 Uhr

von Hannah Lühmann

 3. Der Kapitalismus hat unser Liebesleben zerstört

Es ist einer der absoluten Gemeinplätze der kulturlinken Empowerment-Bubble, davon auszugehen, dass das moderne Dating-Leben den Gesetzen des kapitalistischen Marktes gehorche. Durch diese "Ökonomisierung" unserer Gefühle würden wir, beispielsweise über Plattformen wie Tinder, Menschen "konsumieren", wir würden uns nicht mehr festlegen können und immer noch auf etwas Besseres hoffen. Das ist das, was man meint, wenn man ein bisschen Eva Illouz gelesen hat oder sich mit sehr vielen Leuten unterhalten hat, die ein bisschen Eva Illouz gelesen haben. Aber was, wenn die romantische Liebe gar nicht tot ist? Es gibt doch so viele verliebte Paare, so viele Familien, die warten doch nicht alle auf was Besseres?

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 4. Die Menschen vereinsamen

Der Schriftsteller Daniel Schreiber wird gerade durch sämtliche Talkshows getrieben, weil sein aktuelles Buch, wie man das dann so sagt, "einen Nerv trifft": Es handelt von der Einsamkeit und vom Alleinsein und von dem Unterschied zwischen beidem. Über 40 Prozent der Menschen in Deutschland leben mittlerweile alleine, aber sind sie wirklich einsam? Und hat das, wie es bei Schreiber anklingt, etwas mit der neoliberalen Gesellschaftsordnung zu tun? Etwas in mir weigert sich, an die neoliberale Gesellschaftsordnung zu glauben.

 5. Mental Health ist ein Tabuthema, über das keiner spricht

Es ist das Lebenselixier von Aktivisten und Influencern: Die Behauptung, sie würden mit dem, was sie tun, ein Tabu brechen, idealerweise auf eine Weise, die andere "empowert", sie ermutigt, ebenfalls mehr über das Thema zu sprechen. Daraus entsteht der paradoxe Effekt, dass vermeintliche Tabuthemen wie mentale Gesundheit, Essstörungen oder ambivalente Gefühle beim Muttersein neuerdings in großem Maßstab soziales Kapital generieren. Das ist gut, wir sollten die neue Verletzlichkeit feiern, aber wir sollten nicht so tun, als würde niemand über diese Dinge reden, denn alle reden ständig darüber.

 6. Die Menschen sind unsolidarisch

Sind sie das wirklich? Oder sollten wir uns nicht vielleicht selber fragen, ob wir solidarischer, empathischer, einfühlsamer sein könnten? Ja, auch mit Ungeimpften.

 7. Es ist fünf vor zwölf

Neulich las ich einen Artikel meines "WELT"-Kollegen, der übertitelt war mit "Die Menschheit kriegt die Kurve bei der globalen Erwärmung". Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber ich fand diesen Gedanken für einen Moment so erhellend und erfrischend, dass die aktuelle apokalyptische Stimmung vielleicht auch eine Art Framing ist, das in ein paar Jahren vergessen sein wird. Was nicht heißt, dass wir nichts tun müssen. Jetzt.

 8. Die Menschen werden immer ungebildeter

Das stimmt, aber es ist nicht schlimm.

 9. Die Menschen werden immer unfreundlicher

Auch das stimmt, aber wir können sofort entgegenwirken: durch Freundlichkeit.

10. Unsere Kinder wachsen in einer schrecklichen Welt auf

Weil wir die ganze Zeit an unseren Handys hängen, lernen unsere Kinder keine Empathie mehr. Die Kitas sind schrecklich und die Kommunikation wird immer einsilbiger. Ich glaube, das stimmt alles nicht. Ich glaube, Kinder wurden noch nie so geliebt wie heute. Jedenfalls haben wir uns noch nie so viele Gedanken gemacht.

11. Es ist dunkel

Das ist das einzige, wogegen man nichts sagen kann. Aber besuchen Sie einfach einen Laternenumzug. Und: In knapp fünf Wochen werden die Tage wieder länger.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 20.11.2021 | 13:00 Uhr

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