Gillhoff-Preisträger 2021 Christoph Schmitt © privat

Gillhoff-Literaturpreis 2021 für Christoph Schmitt

Stand: 31.07.2021 14:00 Uhr

Der Volkskundler Christoph Schmitt aus Rostock hat die diesjährige Auszeichnung für seine Verdienste um die norddeutsche Kultur erhalten. Der Preis wurde heute im Rathaus zu Ludwigslust verliehen.

von Rainer Schobeß

Er stammt aus Hessen und beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der plattdeutschen Volksüberlieferung in Mecklenburg: Christoph Schmitt ist Leiter der Wossidlo-Forschungsstelle für Europäische Ethnologie an der Uni Rostock. Sein Fachgebiet: Die Alltagskultur und Lebensweise der einfachen Leute. Dabei hilft ihm ein ungeheurer Schatz: Sagen, Märchen, Rätsel, Reime und Lieder, die der Volkskundler Richard Wossidlo gesammelt hat und die in 1.200 Zettelkästen im Wossidlo-Archiv aufbewahrt werden.

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Christoph Schmitt erhält den Gillhoff-Literaturpreis 2021 für seine Verdienste um die mecklenburgische Volkskunde, heißt es in der Begründung der Gillhoff-Gesellschaft. Er sei im übertragenen Sinne ein direkter Nachfolger des Schriftstellers und Volkskundlers Johannes Gillhoff. Auch Gillhoff hat nämlich Redewendungen, Sprichwörter und plattdeutsche Ausdrücke in Mecklenburg gesammelt. Und Schmitt hat sich wissenschaftlich mit dessen Auswandereroman "Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer" auseinandergesetzt.

WossiDiA: Digitales Archiv für plattdeutsche Volksüberlieferung

Im kommenden Jahr geht der Volkskundler in den Ruhestand. Die Zukunft der Volkskunde an der Uni Rostock ist mehr als ungewiss, sie könnte dann aufgehen in einem neuen Zentrum für Regionalgeschichte. Den Preis für Christoph Schmitt versteht die Gillhoff-Gesellschaft daher auch als Weckruf an das Land, das mit dem Wossidlo-Archiv über einen einzigartigen Schatz verfüge.

Seit 2014 gibt es auch das digitale Archiv WossiDiA. Für die berühmten Zettel mit Erzählmotiven, Erzählern und den Orte, wo ihre Geschichten aufgezeichnet wurden, braucht man allerdings eine Lese-Anleitung, sagt der Forscher. "Was bedeutet es, wenn in der rechten oberen Ecke ein S steht? Das steht für Sage. Da gibt es viel zu erklären, und das alles macht WossiDiA", erläutert Schmitt.

Plattdeutsch kennt viele Synonyme

Bei seinen Wanderungen durch Mecklenburg hat Wossidlo auch mehr als 350.000 plattdeutsche Wörter notiert, die Grundlage für das Mecklenburgische Wörterbuch. "Es gibt Bereiche, wo die plattdeutsche Sprache reicher ist als das Hochdeutsche. Ein Beispiel ist, dass er sehr viele Synonyme für 'prügeln' festgestellt hat. Es wurde damals in Mecklenburg sehr viel geprügelt. Auf den Gutshöfen wurden Tagelöhner und Knechte sehr häufig bestraft, so dass etwa ein Wort wie 'prügeln' in der Region einen besonderen Stellenwert hatte und dementsprechend kreativ ausgestaltet wurde", weiß Schmitt.

"Oewermaten flietig un kreativ Arbeid"

In seiner Laudatio hat Wolfgang Mahnke, niederdeutscher Autor und Gillhoff-Preisträger 2018, es so formuliert: "Dat dei Wossidlo-Forschungsstell nah so väle Malessen ümmer noch in’t Binnen- un Butenland grot in’t Anseihn steiht, is Dr. Christoph Schmitts oewermaten flietig un kreativ Arbeid tau verdanken." (Dass die Woosidlo-Forschungsstelle im In- und Ausland nach so vielen Schwierigkeiten immer noch großes Ansehen genießt, ist Dr. Christoph Schmitts über die Maßen fleißiger und kreativer Arbeit zu verdanken).

Der Gillhoff-Literaturpreis

Der Gillhoff-Literaturpreis für Verdienste um die norddeutsche Kultur wird seit 1980 verliehen. Die Auszeichnung ist nicht dotiert und soll an den Schriftsteller Johannes Gillhoff (1861- 1930) aus Glaisin/Ludwigslust erinnern. Gillhoff gehört zu den großen Autoren aus Mecklenburg und war auch international erfolgreich mit seinem Briefroman "Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer". Seit 1993 wird der Preis in der Regel Anfang Juni vergeben, zunächst im Gillhoff-Dorf Glaisin und mittlerweile in Ludwigslust.

Prominente Preisträger sind der Schriftsteller Walter Kempowski, der Literaturwissenschaftler Jürgen Grambow, der Dramaturg Manfred Brümmer, die Lyrikerin Ursula Kurz, die Museologin Cornelia Nenz oder 2020 der Liedermacher Wolfgang Rieck. Der Vorjahres-Preisträger hält zumeist auch die Laudatio auf den aktuellen Preisträger.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 31.07.2021 | 14:00 Uhr

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