Eine Frau guckt aus einem Fenster. © Zeichnung: A. Johnson, aus Max Dreyer: Na Huus, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Leipzig 1904 Foto: Zeichnung: A. Johnson

"Dat Du min Leevsten büst" - Liebe und Sex in Norddeutschland

Stand: 18.06.2021 06:00 Uhr

"Dat Du mien Leevsten büst" ist eines der bekanntesten plattdeutschen Volkslieder. Generationen von Kindern haben es in der Schule gelernt und ganz unschuldig gesungen. Dabei hat der Text es in sich.

von Rainer Schobeß

"Kumm bi de Nacht" - deutlicher geht es nicht. Sie lädt ihn in ihre Kammer ein, er muss nur leise sein. In vorindustrieller Zeit war es durchaus üblich, dass junge Leute sich von der Fruchtbarkeit des zukünftigen Ehepartners überzeugen wollten. Am besten herausfinden konnten sie das im Bett. Mochte die Kirche auch noch so sehr gegen den vorehelichen Verkehr wettern, auf dem Lande galt die Losung: "Brutlüe sünd vör Gott Ehlüe".

Probenächte vor der Ehe

Junge Deerns un Kierls kamen sich in sogenannten Probenächten näher, die der Gelehrte Friedrich Christoph Jonathan Fischer vor mehr als 200 Jahren so beschrieben hat:

"Beinahe in ganz Deutschland ist unter den Bauern der Gebrauch, dass die Mädchen ihren Freiern lange vor der Hochzeit schon diejenigen Freiheiten über sich einräumen, die sonst nur das Vorrecht der Ehemänner sind. Doch man würde sehr irren, wenn man sich von dieser Sitte die Vorstellung machte, als wenn solche Mädchen alle weibliche Sittlichkeit verwahrlost hätten. Nichts weniger! Die ländliche Schöne weiß mit ihren Reizen auf eine ebenso kluge Art zu wirtschaften als immer das Fräulein am Putztische." "Über die Probenächte der deutschen Bauernmädchen" - Friedrich Christoph Jonathan Fischer

Bei den ersten nächtlichen Besuchen wurde nur geplaudert, nach und nach aber wurden Sie und Er immer vertrauter.

"In der Folge gibt die Dirne ihrem Buhlen unter allerlei ländlichen Scherzen und Neckereien Gelegenheit, sich von ihren verborgenen Schätzen eine Erkenntnis zu erwerben, läßt sich überhaupt von ihm in einer leichten Kleidung überraschen und gestattet ihm zuletzt alles, womit ein Frauenzimmer die Sinnlichkeit einer Mannsperson befriedigen kann. Dies dauert solange, bis sich beide Teile von ihrer wechselseitigen physischen Tauglichkeit zur Ehe genugsam überzeugt haben." "Über die Probenächte der deutschen Bauernmädchen" - Friedrich Christoph Jonathan Fischer

Ein Mann und eine Frau umarmen sich auf einer Zeichnung aus dem Liederbuch "von rosen ein krentzelein". © Lieberbuch "von rosen ein krentzelein" (Aus der Reihe "Die blauen Bücher", Königstein und Leipzig 1921)
Eine Darstellung eines Liebespaars auf einem Flugblatt aus dem 19. Jahrhundert.

Dann aber wurde es Zeit für Heirat und Familiengründung. In einer Zeit ohne Rentenversicherung war Kindersegen wichtig. Kinder mussten auf dem Hof mithelfen und später für die Alten sorgen.

Auf Helgoland wurde gekortelt

Eine besonders eigenwillige Form der Eheanbahnung ist von der Insel Helgoland überliefert. Wenn junge Männer einer Frau den Hof machten, wurde das "Korteln" genannt. Der Volkskundler Johann Friedrich Camerer notierte 1758:

"Sie pflegen des Sonntags öffentlich zu korteln, was courtoisieren heißen soll, gehen zusammen auf den Klippen, ins Korn oder in den Sanddünen, legen sich paarweise voneinander nieder, und kriechen einander unter die Röcke. Dies ist eine hergebrachte Gewohnheit, und hat der Prediger die Macht nicht, solches zu steuern." "Vermischte historisch-politische Nachrichten" - Johann Friedrich Camerer

Die Holsteiner gingen "na de Deerns"

Die Helgoländer haben gekortelt, die Holsteiner nannten es "na de Deerns gahn", und das war deutlich rustikaler. Ganze Schwärme junger Männer machten sich in der Probstei etwa zu nächtlichen Besuchen auf, so hat es der Schönberger Pastor Johann Georg Schmidt im Jahre 1813 beschrieben.

"Wer ernsthafte Absichten hatte, ging allein und das versprochene Mädchen, welches vielleicht ihrem Freier alles erlaubte, nahm weiter keine Besuche an. Ihre Antwort: 'Jungens, ik heff een Frier' scheuchte die Schwärme zurück. Dass bei diesen Nachtschwärmeierein die gröbere Sinnlichkeit Nahrung fand, dass auch der Venus vulgivaga gehuldigt wurde, wage ich nicht zu leugnen." "Probstei Preetz, ein Beitrag zur Vaterlandskunde" - Johann Georg Schmidt

"Dat Du min Leevsten büst" handelt von der Nachtfreierei

Links ein Engelskind mit einer Posaune, rechts ein Liedtext in altdeutscher Schrift auf einem Lied-Flugblatt aus dem 19. Jahrhundert © Sammlung Schobeß Foto: Druck: Lied-Flugblatt, 19. Jahrhundert
Der Text zu "Dat Du min Leevsten büst" im Liederbuch "von rosen ein krentzelein". Auch hochdeutsche Sänger stimmen das Lied gerne an.

Um diese Nachtfreierei geht es in "Dat Du min Leevsten büst", dem plattdeutschen Volkslied aus dem 19.Jahrhundert. Der Brauch war damals weit verbreitet in deutschen Landen, das Thema und die eingängige Melodie haben ganz sicher auch die internationale Karriere des Liedes befördert.

Tanzende Menschen auf einem Cover der Folk Friends © Plattenfirma Wundertüte Musik/Gertrude Degenhardt Foto: Zeichnung: Gertrude Degenhardt
Eine CD-Coverzeichnung der Folk Friends von Gertrude Degenhardt mit Finbar Furey vorn rechts, Hannes Wader mit Gitarre und rotem Mantel sowie Alex Campbell (4. von links).

Hannes Wader hat es 1974 für seine Platte mit plattdeutschen Liedern aufgenommen. Dem irischen Dudelsackspieler und Folksinger Finbar Furey hat "Dat Du min Leevsten büst" so gut gefallen, dass er es noch im gleichen Jahr ins Englische übersetzt hat. Zusammen mit seinem Bruder Eddie hat Furey den plattdeutschen Hit bei Konzerten in Irland, England und Amerika gesungen.

Und ein paar Jahre später wurde der "Night Visiting Song" auch bei der legendären "Folk Friends"-Session in Hannes Waders Windmühle in Struckum aufgezeichnet: Als deutsch-irisch-schottisches Gemeinschaftswerk von Hannes Wader, Finbar Furey und Alex Campbell. Sie singen "Come to me Love", aber auch "Kumm bi de Nacht".

Weitere Informationen
Quartett vom NDR Chor © Screenshot NDR

"Dat Du min Leevsten büst" - Noten und Videos

Hier findet ihr die Noten und Videos zum Üben zu "Dat Du min Leevsten büst". mehr

Chor im Grünen © picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg Foto: Moritz Frankenberg

Sing mit! Das NDR Chorexperiment

Singe Deine Version von "Dat Du min Leevsten büst" ein und schick uns Dein Video für die große Collage! mehr

Zettel mit Aufschrift "Bleib gesund" © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Julian Stähle

"Holl di fuchtig" ist Plattdeutscher Ausdruck des Jahres 2021

Eine Jury des Fritz-Reuter-Literaturmuseums hat aus einer Vielzahl von Einsendungen die Favoriten bestimmt. Das Plattdeutsche Wort des Jahres ist "butschern". mehr

Ein Filmausschnitt aus einem Erklärfilm für Plattdeutsch. © Europa-Universität Flensburg / Karin Otzen

Niederdeutsche Bühnen: So viel mehr als bloß Theater

Die Geschichte vom Mittelalter bis heute, kurz und prägnant in einem Erklärfilm zusammengefasst. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 18.06.2021 | 10:20 Uhr

Mehr Kultur

Eine Rentnerin zählt ihr Geld aus einem Portemonaie. © Fotolia Foto: Alexander Raths

"Fro Kruses lange Fingers"

Dora Kruse hat immer gut funktioniert: als Tochter, Ehefrau und Mutter. Jetzt ist sie alt und arm und irgendwie muss sie sich einen Anteil am Leben holen... mehr