Stand: 11.06.2020 10:04 Uhr  - NDR 90,3

Scharfe Kritik am "Snutenpulli"

Das Plattdeutsche hat seit Corona ein neues Wort: "Snutenpulli" ist der Ausdruck für Gesichtsmaske. Die einen freuen sich über den heiteren Zugang zu einem ernsten Thema. Jan Graf, Autor, Musiker und Fachmann fürs Niederdeutsche, findet das gar nicht zum Lachen. Er meint, solche Ausdrücke beschädigten die niederdeutsche Sprache.

Herr Graf, was haben Sie gegen den "Snutenpulli"?

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Einige Wortneuschöpfungen im Plattdeutschen sollten weniger scherzhaft sein, findet Jan Graf.

Jan Graf: Wir haben im Hochdeutschen neutrale Worte wie "Gesichtsmaske" oder "Mund-Nasen-Bedeckung", die diesen Infektionsschutz vor dem Gesicht jetzt bezeichnen. Natürlich ist klar, dass das nicht reicht. Eine voll ausgebaute Sprache sucht auch nach scherzhaften Wendungen, die bei vertraulicheren, inoffiziellen Gesprächen benutzt werden können. Und so wie wir vielleicht statt "Fahrrad" manchmal "Drahtesel" sagen wollen, wenn wir ein bisschen lustig sind, so suchen wir jetzt das gemütlichere Pendant zur nüchternen "Mund-Nasen-Bedeckung" und folgen dem Vorschlag "Snutenpulli".

Und da sind doch zwei Dinge, die interessant sind: Wieder dient hier das Plattdeutsche als Wortsteinbruch, in dem das Hochdeutsche sich gern bedient, wenn es stilistisch bewusst nach unten gehen soll. Und viele Sprecher des Plattdeutschen selber folgen dieser Festlegung ihrer Sprache auf das Zotig-Gemütliche auch noch. Sie meinen in einer völlig unzulässigen Verallgemeinerung, "Snutenpulli" sei jetzt auch in ihrer Sprache das normale Wort für diese Gesichtsmaske. Es ist wirklich peinlich zu sehen, wie erwachsene Menschen sich selber so erniedrigen.

Sprache ist doch auch spielerisch und kreativ. Sprache setzt immer wieder ironische Kontrapunkte in schweren Zeiten? Darf das Plattdeutsche nicht auch Humor transportieren?

Graf: Ja, das kommt dann immer, wenn man bemängelt, dass das Plattdeutsche sich ausschließlich für die Klamotte hergibt, für den scherzhaften Begriff. Dann gilt man als Miesepeter und Langweiler. Tatsache ist doch aber, dass der Norden mit dem Plattdeutschen, einer eigenen Regionalsprache, einen ziemlichen Schatz zu verwalten hat. Wir machen da als Erben wirklich einen lausigen Job, wenn wir der Sprache nicht erlauben, auch in nüchtern-offiziellen oder gar schöngeistigen Zusammenhängen sich als funktionsfähig zu bewähren. Mund-Nasen-Bedeckung heißt auf Plattdeutsch "Snutenpulli", "Ackersnacker" ist Mobiltelefon und zum Staubsauger sagen wir "Huulbessen"? Wer soll uns als Plattdeutsche denn ernst nehmen, wenn wir nicht nur der plattfernen Mehrheit im Land erlauben, uns da zu verorten, sondern, wenn wir selbst da auch noch mitmachen? Nix gegen "Snutenpulli", nix gegen die Ebene des Scherzhaften, aber wenn das alles ist, was unser Lexikon zu bieten hat, dann ist das sehr wenig.

Selbstgenähte Schutzmasken hängen an einem Schrank. © picture alliance Foto: Felix Kästle

"Snutenpulli" oder "Gesichtsmaske"?

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Nichts gegen "Snutenpulli", nichts gegen die Ebene des Scherzhaften, aber, wenn das alles ist, was das Plattdeutsche zu bieten hat, findet Jan Graf, niederdeutscher Autor und Musiker, das traurig.

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Wie waren denn die Reaktionen auf Ihre Kritik am "Snutenpulli"?

Graf: Ich habe etwas über Social Media gelernt. In Foren, in denen Administratoren darauf achten, dass die Teilnehmer nicht den Autor persönlich beleidigen, sondern sich mit seinen Positionen inhaltlich befassen, entfaltete sich eine schöne Diskussion. Das war echt gut. In sich selbst überlassenen Foren wurde der Autor aber doch mehrheitlich persönlich beschimpft. Wie soll man das deuten? Eine Art sprachliches Stockholm-Syndrom vielleicht - die Freunde des Plattdeutschen solidarisieren sich mit seiner Herabwürdigung. Vielleicht sind wir glücklich, überhaupt noch wahrgenommen zu werden, und sei es als Clowns. Damit rangiert unsere wunderbare großartige Sprache in ihrer Relevanz heute irgendwo zwischen Katzenbabys und Kalendersprüchen.

Das Niederdeutsche auf dem Weg zu einer Hinterwäldler-Sprache - und die Native Speaker machen mit. Wie kommt das Plattdeutsche da raus?

Graf: Keine Ahnung. Indem wir anfangen, darüber nachzudenken - vielleicht.

Das Interview führte Daniel Kaiser, NDR 90,3.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 11.06.2020 | 19:15 Uhr

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