Stand: 22.07.2019 18:00 Uhr

Knabenchor Hannover

von Raliza Nikolov
Als Kulturbotschafter reiste der Knabenchor Hannover bei über 80 Konzerttourneen in mehr als 45 Länder.

Im kommenden Jahr wird der Knabenchor Hannover 70 Jahre alt. Heinz Hennig, damals 23 Jahre alt, schaffte es 1950 nur mit Hilfe von Zeitungsannoncen diesen Chor zu gründen. Einen Chor, der mittlerweile zu den besten seiner Art gehört - obwohl es kein Internat gibt und die Singschule darauf angewiesen ist, dass alle an einem Strang ziehen und auch die Eltern mithelfen. Die Singschule hat etwa 240 Mitglieder. Wer im Konzertchor singt, kommt zwei Mal in der Woche für drei Stunden zur Probe.

Manuel ist schnell durch die Singschule gegangen und schon seit drei Jahren im Konzertchor. Zu Hause wird auch viel gesungen, aber wenn es dann zum Beispiel auf Reisen geht, ist es schon etwas Besonderes: "Ich habe da immer so ein kleines Kribbeln bei den Konzerten. Dann denke ich nicht 'Ach, das Stück kenne ich ja schon, da werde ich mich schon nicht versingen', sondern da bin ich angespannt und möchte alles richtig singen."

Max ist seit bald sieben Jahren beim Knabenchor. Er erlebt hier viel, sagt er, ist Teil einer Gemeinschaft und hat Freunde gefunden: "Natürlich ist es auch so, dass man was Soziales macht - Chor ist ja kein Einzelsport, man arbeitet als Team und man lernt auch viel."

Aus ersten Begegnungen werden langlebige Erfahrungen

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Der Knabenchor Hannover wurde vielfach ausgezeichnet (unter anderem mit dem Echo Klassik 2006 und 2010).

Luis steht kurz vor dem Stimmbruch. Er ist ein sogenannter Quereinsteiger: Seit zwei Jahren dabei, hat er gleich im Konzertchor begonnen. Gefragt nach einer besonderen Konzert-Erinnerung, muss er nicht lange überlegen: "Schon mein erstes Konzert war ein ganz tolles: Da waren wir mit Nils Landgren im NDR und das war auch gleich eine Aufnahme - das war sehr spannend, hat aber auch viel Spaß gemacht."

Über das Konzert mit Landgren sagt Chorleiter Jörg Breiding: "Für mich ist in der Ausbildung der Kinder wichtig, dass sie Vielfalt kennenlernen und deren Elemente. Und auch, dass Musik so stark ist, gerade im Live-Erleben, dass dort etwas in einem gemeinsamen Improvisieren entsteht. Das ist doch super! Auch für die Jungs, die zum Teil noch gar nicht so viel Erfahrung haben, die wunderbar singen, aber für die das eine Erstbegegnung war. Und das ist genau das, weshalb wir das mit den Jungs machen: weil sie das nicht vergessen werden."

Zwei Chorleiter in 70 Jahren

23 Jahre alt, gründete Heinz Hennig 1950 den Knabenchor Hannover. In seiner 70-jährigen Geschichte hatte der Chor erst zwei Leiter: Auf Heinz Hennig folgte Jörg Breiding.

Jörg Breiding ist nach Heinz Hennig erst der zweite Chorleiter des Knabenchores Hannover seit der Gründung 1950.

"Das ist etwas Besonderes, wenn man sich klarmacht, dass Heinz Hennig diesen Chor 51 Jahre lang geleitet hat", sagt Breiding. "Er war ein faszinierender Pädagoge und Künstler, ich habe ihn in den letzten Jahren noch erlebt. Dementsprechend war auch die Entscheidung für mich nicht ganz einfach: Kann man in solche große Fußstapfen mit nicht ganz 30 Jahren treten? Es war wirklich ganz großartig, von ihm zu lernen und ihn in dieser Arbeit zu erleben. Ich habe mich dann auf sein Urteil verlassen und bin immer noch sehr glücklich, dass ich diese Aufgabe übernehmen durfte."

Aus Knaben werden Männer

Johannes ist 27 Jahre alt und gehört zu den ältesten Mitgliedern. 1998 oder 1999, so ganz genau erinnert er sich nicht, ist er eingetreten: "Jetzt bin ich seit ungefähr 12 Jahren Männerstimme - das Doppelte von meiner Knabenzeit. Man erlebt unglaublich viel, ich war zum Beispiel auf Konzertreisen nach Kuba, China und Russland dabei. Das ist als Männerstimme natürlich nochmal etwas anderes als als Knabe: Man erfüllt auch die Betreuerfunktion und ist der Ansprechpartner für die Kinder."

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Ein emotional tiefgehendes Gedenkkonzert: Mit Brittens "War Requiem" wurde im November 2018 im Kuppelsaal Hannover an das Ende des Ersten Weltkriegs erinnert.

Was man als Knabe von den Männern vermittelt bekomme, das gebe man später den Nächsten weiter, sagt er und nennt ein Beispiel: "Die beste Situation ist: Wenn es einem Kind nicht gut geht, wie reagiere ich dann? Stehe ich da und verfalle selber in Hektik oder bleibe ich gelassen? Da kann man sich manche Situation aus der Knabenzeit in Erinnerung rufen und davon profitieren."

Ein Versöhnungsprojekt zum deutsch-britischen Gedenkkonzert

2018 war der Knabenchor wieder einmal auf Reisen und beteiligte sich an einem außergewöhnlichen Projekt: der Aufführung des "War Requiems" von Benjamin Britten in einer Kooperation von Chören und Orchestern aus Liverpool und Hannover. Ein deutsch-britisches Konzert aus Anlass des Gedenkens an das Ende des Ersten Weltkriegs und ein Versöhnungsprojekt angesichts von Spaltungsplänen allerorten.

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Gemeinsam mit der NDR Radiophilharmonie, dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra und fünf weiteren Chören war auch der Knabenchor Hannover bei dem monumentalen Konzert dabei.

Dazu gab es ein begleitendes Education-Projekt der NDR Radiophilharmonie, woran auch Mitglieder des Knabenchores beteiligt waren. Dazu Jörg Breiding: "Es gab ein Interview zwischen einem Chorknaben und seiner Großmutter. Das Kind hat Fragen gestellt und es ist berührend, wie es über die Generationen hinweg einen Austausch gibt, der vielleicht so nicht stattgefunden hätte. Es ist wertvoll, wenn man man gemeinsam durch ein Kunstwerk inspiriert wird. Das ist durch das Education-Projekt des NDR wunderbar angestoßen worden."

Knabenchor Hannover © Christian Burkert

Probenbesuch beim Knabenchor Hannover

NDR Kultur - Matinee -

Der Werdegang im Knabenchor Hannover beginnt in der Singschule und reicht bis zur Männerstimme im Konzertchor. Raliza Nikolov hat mit einigen Chormitgliedern gesprochen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 25.07.2019 | 11:20 Uhr

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