Stand: 01.07.2019 10:20 Uhr

Hamburger Lotsenchor

von Marcus Stäbler
Der Dirigent Michael Georgi hat die musikalische Leitung beim Hamburger Lotsenchor.

Ein kerniger Klang füllt den Raum. Rund 20 gestandene Männer, die meisten von ihnen mit grauen oder wenig Haaren, haben sich im Kulturzentrum Heidbarghof, einem Fachwerkhaus im Westen Hamburgs, zur wöchentlichen Probe versammelt. Sie verkörpern eine beeindruckende Menge an Lebens- und Berufserfahrung.

"Ungefähr 800 Jahre Seefahrt stehen vor Ihnen", sagt Dieter Wulf, Gründungsmitglied des Hamburger Lotsenchores und pensionierter Lotse. "Ich selbst habe über 50 Jahre mit der Seefahrt zu tun gehabt. Ich hab 1951 angefangen und 2001 aufgehört."

Alle Sänger sind lange zur See gefahren

Auch die Mitsänger von Dieter Wulf sind zum großen Teil schon im Rentenalter. Es gibt wenig Nachwuchs bei den Lotsen und damit auch im Lotsenchor:

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Die Sänger des Hamburger Lotsenchores werden von Klavier, Flöte und Geige begleitet.

"Wir werden langsam weniger, durch Alter, Tod und Krankheit", sagt Wulf. Deshalb hat das Ensemble in den letzten Jahren auch einige Kapitäne aufgenommen. Aber alle Mitglieder sind lange zur See gefahren, darauf legen Wulf und seine Kollegen großen Wert.

Ebenso auf ein authentisches Repertoire: Von den populären Shanty-Chören grenzt sich der Lotsenchor ab. Da stehen oft Lieder zum Schunkeln und Wohlfühlen im Zentrum, sagt Wulf: "Und das war ja damals nicht der Sinn dieser Gesänge, das war ja ganz anders." Shantys waren Arbeitslieder, sie sollten Kräfte bündeln und motivieren, und die Seeleute auf den großen Schiffen buchstäblich im Takt halten, etwa beim gemeinsamen Einholen des Segels oder beim Hieven des Ankers an der Ankerwinde. Das konnte schon mal einen ganzen Tag dauern.

Der Hamburger Lotsenchor ist gelebte Tradition

Weil die Arbeitssprache in der Hochzeit der großen Segelschiffe zwischen 1820 und 1880 englisch war, haben auch die meisten orginalen Shantys einen englischen Text. Sie erzählen vom schlechten Essen auf See, vom dringenden Bedürfnis nach einem Schnaps oder von der Fahrt von Liverpool nach Kalifornien, wie in dem Lied "The Leaving of Liverpool":

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Der Song "The Leaving of Liverpool" entstand vermutlich zwischen 1849 und 1874. Er wurde 1951 in einem Liederbuch veröffentlicht und ist seitdem sehr populär in Großbritannien, Irland und den USA.

"Der Fluss Mersey wird genannt, Prince's Landing Stage wird genannt. Und das Schiff geht um Kap Horn nach Kalifornien", erzählt Wulf. Ein bisschen Seemannsgarn ist auch dabei: "In der zweiten Strophe sagt der Sänger, er wird der Geliebten einen Brief schreiben, wenn er nach Hause bestimmt ist. Und das ist natürlich Unsinn, denn wer soll den Brief befördern? Es gibt keine schnellere Beförderungsart als die, mit der er selber kommt, also er kann den Brief schreiben und selber zu Hause abgeben."

Der Hamburger Lotsenchor ist ein wunderbares Beispiel für gelebte Tradition. 160 Shantys umfasst das Repertoire des Chores, er wird vom jungen Dirigenten Michael Georgi geleitet und von Instrumenten wie Akkordeon, Geige und Flöte unterstützt. Mappen und Pulte brauchen die Sänger nicht, sie haben alle Lieder im Kopf und natürlich auch in Fleisch und Blut: "Wir singen die auswendig und müssen die auch auswendig können, denn die meisten von uns, so auch ich, können keine Noten", sagt Dieter Wulf.

Die Sänger des Hamburger Lotsenchores während einer Probe. © NDR Foto: Marcus Stäbler

Porträt des Hamburger Lotsenchores

NDR Kultur - Matinee -

Die Chorlandschaft im Norden ist bunt und lebendig. Marcus Stäbler hat eine besonders norddeutsche Musiktradition erlebt: bei einer Begegnung mit dem Hamburger Lotsenchor.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 01.07.2019 | 10:20 Uhr

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