Stand: 15.07.2019 15:31 Uhr

Die Herbstzeitlosen

Menschen mit Demenz haben mit vielen unterschiedlichen Problemen zu kämpfen, das kann schnell zur Einsamkeit führen. Um den Austausch untereinander zu fördern und soziale und kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, bietet das DRK Neumünster den Chor "Die Herbstzeitlosen" für Demenzerkrankte und Angehörige an der Musikschule Neumünster an.

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Jeden Montag treffen sich "Die Herbstzeitlosen" zum gemeinsamen Singen.

Auf den ersten Blick ist Marianne Depireux nicht anzusehen, ob sie dement ist oder nicht. Sie ist gut gelaunt, höflich und plaudert aus dem Nähkästchen. Auch beim Chor hat sie über 90 Minuten begeistert mitgesungen. Erst auf die Frage, wie es ihr gefallen hat, fällt ihre Krankheit auf: "Das weiß ich noch nicht. Ich habe das noch nicht erlebt. Ich war ja noch nie hier." Die letzten 90 Minuten sind einfach weg - vergessen.

Den Fokus von den Defiziten nehmen

Dafür kennt Marianne Depireux ihren Namen und weiß, dass sie aus "West-Deutschland" kommt. Sie hat Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis: Denken, Erinnern, Orientieren fallen ihr schwer, wie vielen Demenzerkrankten. Dafür ist die emotionale Ebene oft sehr stark.

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Renate Richter hat den Chor für Demenzerkrankte und Angehörige initiiert.

"Stärker sogar, weil der Verstand das eben nicht mehr alles reguliert", erklärt Renate Richter. "Um mit Menschen mit Demenz zu arbeiten, ist es wichtig, dass man sich in ihre Gefühle reinfühlt und nicht immer versucht, ihnen etwas zu erklären." Die pensionierte Ärztin organisiert den Chor für Demenzerkrankte ehrenamtlich.

Immer wieder stellt sie erstaunliche Effekte durch das gemeinsame Singen bei ihren Chorteilnehmern fest: "Was eben unglaublich ist und das finde ich immer wieder faszinierend: Die lernen noch neue Lieder! Und manchmal wissen sie nicht, dass sie letzte Woche hier waren." So wie eben Marianne Depireux.

Sich der Gemeinschaft zugehörig fühlen

Chorleiterin Ulrike Vogt beobachtet immer wieder, wie durch die Musik Erinnerungen wach werden - ganz besonders durch Weihnachtslieder: "Dann blitzt es in den Augen. Dann erinnern sie sich daran und erzählen es hinterher auch, wie sie zum Beispiel mit ihrer Mutter in der Küche saßen oder wie sie das Weihnachtsfest gefeiert haben. Also Weihnachtslieder sind sehr schön, um Gefühle zu wecken."

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Ulrike Vogt begleitet den Chor am Klavier.

Sie behandelt den Chor wie jeden anderen auch und alle Teilnehmer sind gleichwertige Chormitglieder. Normalität ist wichtig und gibt den Demenzerkrankten Sicherheit. "Das ist hier einfach eine 'Wohlfühl-Arena'", sagt Ulrike Vogt, "man kommt rein in diesen Raum und es ist Auszeit vom Alltag. Ich sorge auch dafür, dass wir Lieder singen, die zum Wohlfühlen beitragen."

Und auch wenn sie vielleicht nicht weiß, warum - dass sie sich wohlfühlt, kann auch Marianne Depireux bestätigen: "Ich finde es gut hier. Mir gefällt's, weil es ganz schön ist und weil es alle mitmachen. Das finde ich toll."

Mehrere alte Menschen sitzen in einem Kreis und singen. © NDR/Kulturjournal

Die Herbstzeitlosen

NDR Kultur - Matinee -

Soziale und kulturelle Teilhabe finden Demenzerkrankte beim Chorangebot "Die Herbstzeitlosen" vom DRK Neumünster. Anina Pommerenke hat den Chor besucht.

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