Stand: 17.09.2019 16:31 Uhr

Der Klassenkampfchor "Roter Hering" in Rostock

von Lenore Lötsch

Das NDR Kultur Chor-Projekt hat schon viele norddeutsche Chöre vorgestellt: Shantychöre, einen Kneipenchor, Kantoreien und Knabenchöre. Und im NDR Kultur Chor-Atlas - der Landkarte, auf der viele viele norddeutsche Chöre verzeichnet sind - gibt es immer mehr Eintragungen. Doch ein Klassenkampfchor war bisher noch nicht dabei. "Roter Hering" heißt der Rostocker Chor, den Lenore Lötsch bei der wöchentlichen Probe im linken Kulturzentrum in Rostock, dem "Peter-Weiss-Haus", begleitet hat.

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Die Sänger*innen vom "Roten Hering" singen Arbeiter- und Klassenkampflieder und begreifen ihren Chor auch als musikalisches Geschichtsprojekt.

Sie kommen mit Kind und Hund, mit Bierglas und mit zwei roten Einkaufskörben, in denen die Notenhefte gestapelt sind und stellen sich im Kreis auf. "Ich hab Bock zu singen", sagt ein Sänger. "Ja, dann lass uns mal einsingen", schlägt der nächste vor. "Bock zu singen" haben alle zwanzig Mitglieder des Chores "Roter Hering" mit dem besonderen Repertoire. Marie ist gerade Mutter geworden. Es ist ihre erste Probe nach der Entbindung. Sie streicht über jedes Notenblatt des Songbooks: "Was wir viel singen, sind einfach Arbeiterlieder und antifaschistische Lieder aus der ganzen Welt: 'No going back' haben wir als starkes Arbeiterinnenlied dabei."

Das Lied der Bergarbeiterfrauen aus Großbritannien entstand beim großen Bergarbeiterstreik 1984. Bei den Auftritten des Rostocker Chores gibt es eine kleine Einführung zu jedem Lied. Für Marie ist das Singen in diesem Chor - neben allem Spaß - auch ein musikalisches Geschichtsprojekt: "Das ist eine Geschichtsstunde. Wir sind nicht alle hochmusikalisch, aber wir sind auf alle Fälle politisch interessiert. Das ist, was uns auf jeden Fall verbindet."

Lieder der Arbeiterbewegung sind immaterielles Kulturerbe

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Im Peter-Weiss- Haus in Rostock zeigt ein originales Wandbild aus den 70er-Jahren die ehemalige Sowjetunion.

Vor fünf Jahren wurde "das Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung" in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Insofern ist das, was die Rostocker Sänger des "Roten Herings" tun, klingende Traditionspflege. Auch den Chor gibt es seit fünf Jahren, aber Lennart bekennt, es war weniger die UNESCO, als vielmehr dann doch eher das Bier, das sie zusammengebracht hat: "Das ist ja daraus entstanden, dass Leute am Tresen einfach aus Spaß, aus Langeweile, aus Bierlaune heraus alte Arbeiterlieder gesungen haben und irgendwann hat jemand gesagt: Lass uns mal zum Proben treffen! Und da sind immer mehr Leute dazugekommen. Und jetzt sind wir um die 20 Leute von Anfang 20 bis um die 60 Jahre rum."

"Danke! 73 bin ich!" wirft Gabi ein. Sie ist erst seit einem Jahr dabei, aber die Lieder schicken sie auf eine Zeitreise in die späten 60er-Jahre der alten Bundesrepublik. Sie stammt aus Hessen: "Und habe da seit 35 Jahren in einem politischen Chor gesungen - vierstimmig und alles sehr konzertant. Und als ich hier hergekommen bin, habe ich gedacht: Au Backe, das ist 68er-Bewegung ... Aber hier ist das Besondere die Power. Und die Jugend-Power nochmal politisch zu hören, das begeistert mich."

"Roter Hering" zeigt emotional bewegende Auftritte

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Nicht nur das Repertoire des Klassenkampfchores geht unter die Haut.

Songs von linken Liedermachern und Rostocker Punkbands, Arbeiterlieder aus den 20er-Jahren, Partisanenlieder aus Slowenien - die Probe im Rostocker Peter-Weiss-Haus wirkt wie eine Zusammenkunft von Freunden am Lagerfeuer - und jeder darf einen Vorschlag machen. Eine musikalische Leitung gibt es nicht und dennoch läuft das Ganze wenig chaotisch. Vier Chorsängerinnen und -sänger haben eine musikalische Vorbildung.

Zu ihnen gehört Daniel, der bei jeder Chorprobe Gitarre spielt und mitunter erstaunt ist, über die Wirkung der Lieder, die nur noch selten gesungen werden: "Letztens haben wir in Leipzig gespielt und da haben wir als letzten Song 'Bella Ciao' gesungen. Da hat sich dann im Publikum einer eine Träne weggewischt und da stehst du dann auf der Bühne: Oh! Ok, alles klar!" Und Felix, der erst seit kurzem dabei ist, ergänzt: "Dann hat man ja eigentlich erreicht, was man als Chor erreichen wollte: die Leute emotional zu bewegen."

Klassenkampfchor: Selbstkritik gehört dazu

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Nicht jedes Lied schafft es in die Notenmappen vom "Roten Hering" - mitunter entscheidet sich der Chor nach längerer Diskussion auch basisdemokratisch gegen ein Lied.

Mitunter bewegen sie aber auch diejenigen emotional, die gesungenem Antikapitalismus so gar nichts abgewinnen können, und schnell lautet der Vorwurf, ewiggestrig zu sein und den Sozialismus zu glorifizieren. Der Chor entscheidet basisdemokratisch über das Liedgut und Lennart verrät, kürzlich habe es lange Diskussionen über ein Lied gegeben, das nun doch nicht gesungen wird: "Es war ein Lied über Lenin. Der Song 'Jalava' ist ein wunderschöner Song und hat Klezmer-Einflüsse, ist also musikalisch wirklich sehr schön. Aber ein paar von uns haben halt Kritik an der Person Lenin geäußert - auch zu Recht - und wir haben gesagt: Ok, wir machen das so nicht. Manchmal ist das eben auch ein Kampf. Darum geht es ja auch: um Sachen auszudiskutieren." Beim Klassenkampfchor "Roter Hering", immer sonntags um 17 Uhr im Peter-Weiss-Haus in Rostock.

Die Tätowierung auf dem Oberarm eines Sängers vom Klassenkampfchor "Roter Hering" aus Rostock zeigt das Logo des Chores: Drei Fischgräten in einem Kreis, in dem der Name des Chores steht. © NDR Foto: Lenore Lötsch

Der Klassenkampfchor "Roter Hering" in Rostock

NDR Kultur - Matinee -

Beim Rostocker Klassenkampfchor "Roter Hering" werden Arbeiterlieder und antifaschistische Songs gesungen. Lenore Lötsch hat eine Probe im "Peter-Weiss-Haus" besucht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 10.09.2019 | 11:20 Uhr

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