Stand: 05.08.2019 14:34 Uhr

Chorporträt: Der Chor zur Welt

von Marcus Stäbler

Im März 2017, kurz nach der Eröffnung, präsentiert die Elbphilharmonie das Festival "Salam Syria" mit syrischer Musik und gründet dafür auch einen Chor aus Geflüchteten und alteingesessenen Hamburgerinnen und Hamburgern. Eigentlich ist er nur als einmaliges Projekt geplant, aber nach und nach kommen noch mehr Auftritte dazu. Mittlerweile ist der "Chor zur Welt" ein fester Bestandteil im Mitmachprogramm der Elbphilharmonie und vereint Sängerinnen und Sänger aus 15 Nationen.

Ein Chormitglied ist Vater geworden. Seine Kolleginnen und Kollegen gratulieren ihm per Video mit einem Ständchen aus dem Probenraum, sie singen "Happy Birthday" auf Arabisch. Ein berührender Moment. Er vermittelt einen Eindruck von der besonderen Atmosphäre beim "Chor zur Welt": vom selbst für Chorverhältnisse ungewöhnlich herzlichen Umgang, aber auch von der kulturellen und musikalischen Vielfalt des Ensembles.

Chorgesang in vielen verschiedenen Sprachen

Rund 60 Menschen im Alter von 17 bis 74 Jahren kommen hier zusammen, sie stammen aus 15 verschiedenen Nationen und singen auch in Sprachen, die hierzulande nicht zum chorischen Alltag gehören. "Das Repertoire hat von Anfang an immer schon einen Schwerpunkt auf arabischen Stücken gehabt", sagt Chorleiter Jörg Mall. Und das ist bis heute so geblieben. Die Probe beginnt nach dem Einsingen mit dem Liebeslied "El Hilwa Di".

"Es geht um jemanden, der seine Geliebte beschreibt, wie sie sich bewegt und was sie so macht", erklärt die junge Syrerin Hewa, die bei diesem Lied zu einer kleinen Solistengruppe gehört. Sie singt die für mitteleuropäische Ohren zunächst etwas fremden Melodien ganz natürlich und erleichtert ihren Mitsängerinnen und Mitsängern aus anderen Ländern damit den Einstieg in diese Musik.

Ein Probenbesuch beim "Chor zur Welt"

Das Miteinander ist eine Bereicherung für alle

Umgekehrt profitiert sie aber auch von der Begegnung: "Ich bin seit vier Jahren hier und habe am Anfang die deutsche Sprache nicht so gut gesprochen. Die deutschen Lieder waren für mich eine große Herausforderung, aber ich konnte mein Deutsch durch die Lieder ganz schnell verbessern." Die Mitglieder vom "Chor zur Welt" genießen ihr Miteinander als Bereicherung, nicht nur sprachlich und kulturell. Das ist beim Singen und in den Gesprächen zu spüren.

Chorleiter Jörg Mall erlebt "eine ganz große Offenheit füreinander, für das Anders-Sein. Und eben die Bereitschaft, sich auf andere Sprachen, andere Musikstile einzulassen." Jörg Mall selbst demonstriert diese Bereitschaft sich einzulassen, wenn er etwa aus der Funktion des Leiters kurz zurück tritt und das Sprachcoaching für ein türkisches Lied der Sängerin Özlem überlässt. Unterstützung füreinander ist beim "Chor zur Welt" keine Einbahnstraße.

Mit dem "Chor zur Welt" in Hamburg ankommen

"Keiner kann alles, wir sind wirklich abhängig voneinander", betont Özlem, nachdem sie ihren Mitsängerinnen und Mitsängern den türkischen Text nahe gebracht hat. Genau diese Balance von Geben und Nehmen macht auch für den Bass Andreas den besonderen Reiz aus, der aus der Flüchtlingsarbeit kommt und seit zwei Jahren im Chor dabei ist: "Hier begegnet man sich echt auf Augenhöhe und man kann die anderen Chormitglieder wirklich als Mensch wahrnehmen und nicht als Hilfsbedürftige, das finde ich das Schöne an der Geschichte."

Künstlerisch begeistert der Chor zur Welt vor allem mit der Vielfalt seiner Melodien und seiner Musizierfreude. Menschlich öffnet er das Tor zur Welt und bietet seinen Mitgliedern eine soziale Nestwärme, egal woher sie kommen. Auch die Medizinstudentin Julia aus Österreich fühlt sich in der multikulturellen Gruppe willkommen und aufgehoben: "Ich finde in diesem Chor ist es so schön, weil man auch in Hamburg besser ankommen kann."

Die Sängerinnen und Sänger vom "Chor zur Welt" aus der Hamburger Laeiszhalle posieren am Fähranleger an der Elbe für ein Gruppenbild. © Elbphilharmonie Hamburg/ Claudia Hoehne Foto: Claudia Hoehne

Chorporträt: Der Chor zur Welt

NDR Kultur -

In unserer Reihe "Wo singen Sie denn" stellen wir Ihnen den Chor zur Welt vor. Marcus Stäbler hat das Ensemble bei einer Probe im Kaistudio 1 der Elbphilharmonie besucht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 06.08.2019 | 15:20 Uhr