Farhot im Porträt © Farhot/Firas Colin Foto: Firas Colin

Kampnagel-Sommerfestival: Farhot mit fetten Beats und goldenem Soul

Stand: 11.08.2021 17:56 Uhr

Farhot bestimmt die deutsche Hip-Hop-Szene aus dem Hintergrund. Beim Sommerfestival kann man ihn in einer ungewohnten Rolle erleben.

Um den Namen Farhot zu kennen, muss man etwas genauer in die Credits unzähliger deutscher Hip-Hop-Tracks schauen. Unter Fans dieser Musik ist der Hamburger Produzent ein Star. Seine Beats schmücken die Alben von Haftbefehl, Materia, Nate 57, Max Herre, Megaloh, MoTrip und vielen andere.

Man könnte sagen, dass Farhot die deutsche Hip-Hop-Szene von seinem Studio auf St. Pauli aus zusammenhält, doch ganz gerecht würde ihm das nicht: Schließlich produziert er auch Soul für die Sängerin Nneka und seinen eigenen eklektizistischen Sound mit dem Projekt "Kabul Fire".

Bei Farhot kommt der Sound nicht von der Stange

Wenn man nur oberflächlich in den Hip-Hop-Hit "Chabos wissen wer der Babo" ist hört, nimmt man nur das martialische wahr, das sogenannter Gangsta-Rap ausstrahlen kann. Farhot hat auch diesen Song 2013 für "Haftbefehl" produziert. Erst beim zweiten Hinhören spürt man, dass auch dieser Track zeitlos Eleganz klingt. Die Beats sind edel, die Sounds vielfältig und einzigartig.

Bei Farhot kommt nichts von der Stange. In seinem Studio stehen Klaviere, eine Wurlitzer-Orgel, historische E-Pianos, Synthesizer aus den frühen Tagen der elektronischen Klangerzeugung, nach denen man auf Second-Hand-Markt lange suchen muss, und sogar eine Celesta, ein Glockenklavier.

Musikwissen aus unterschiedlichsten Quellen

"Ich habe dann schnell gemerkt, dass mir diese 'echten' Instrumente mehr geben. Die haben alle bestimmte Eigenarten und einen Charakter. Kein Exemplar klingt wie das andere. Du weißt einfach nicht, wie viele Stürze die schon hinter sich haben, wie viel Rauch die abgekommen haben oder wie verstimmt sie sind,“ sagt Farhot.

Sein Musikwissen kommt aus den unterschiedlichsten Quellen - die Alben der 90er Jahre Kult-Acts "Wu-Tang Clan" oder Portishead hat er als jugendlicher quasi auswendig gelernt. In seinem Elternhaus gehörte Klavierunterricht zur Allgemeinbildung und schließlich studierte Farhot auch Musikwissenschaft. Instrumentenkunde, Tonsatz, Funktionstheorie, die barocke Generalbasslehre - all das hilft auch in der Hip-Hop-Produktion.

Neues Album ist eine Spurensuche in Farhots Geburtsland

Für sein aktuelles Soloalbum "Kabul Fire Vol. 2" hätte Farhot die Prominenz der gesamten deutschen Hip-Hop-Szene auffahren können und hat sich doch anders entschieden. Zum ersten Mal setzt er sich hier künstlerisch mit seinem Geburtsland Afghanistan auseinander. Seine Eltern flohen, er war knapp ein Jahr alt, Anfang der 80er Jahre vor dem Bürgerkrieg zwischen den sowjetischen Truppen und den von den Amerikanern unterstützten Mudschahedin, den heutigen Taliban.

Auch wenn Farhot in Deutschland als Zuwanderer gesehen wurde, hatte er zu seiner Heimat Kabul kaum Bezug. Die Eltern erzählten wenig. Zu groß war der Schmerz um die verlorene Heimat. "Ich muss da schon ziemlich bohren, um Infos zu bekommen." erzählt er. "Es heißt immer so: Die Früchte schmecken dort ganz anders, die Luft ist eine andere, der Himmel ist anders. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich mich nicht so sehr auf die Erzählungen verlassen kann, sondern da selber forschen muss."

Musik eines Landes wie es ohne Krieg hätte sein können

Farhot im Porträt © Farhot/Firas Colin Foto: Firas Colin
Farhot floh mit seiner Familie im Alter von einem Jahr aus Afghanistan.

Farhot tauchte in die afghanische Kultur vor der Revolution. Er begibt sich auf Spurensuche, hört alte Schallplatten, besorgt sich historische Filme. Beginnt eine Welt zu begreifen, aus der er kommt, und die er doch nicht kennt. "Kabul Fire Vol. 2" klingt wie eine Collage eines Afghanistans wie es sein könnte, ohne Jahrzehnte des Kriegs.

Hier fließt goldener Soul über Beats beachtlicher Größe, trifft Samples aus dem afghanischen Kino oder Kinderlieder in Paschto. "Kabul Fire Vol. 2" ist ein Sehnsuchtsort - nostalgisch und gleichzeitig futuristisch. Ein Kabul wie es hätte werden können ohne 40 Jahre Krieg.

Farhot spricht am 12.8. ab 20 Uhr 30 auf der Waldbühne mit der Künstlerin Moshtari Hilal und Mischa Kreiskott über über die vielfältigen Einflüsse des Albums, über Begriffe von Heimat und die Schönheit der Transkulturalität.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 16.08.2021 | 07:20 Uhr

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