Die Mitglieder der Band Trümmer © Tim Erdmann Foto: Tim Erdmann

"Früher war gestern" von Trümmer: Diskurspunk aus Hamburg

Stand: 12.10.2021 21:00 Uhr

Fünf Jahre nach ihrem letzten Album hat die Hamburger Band Trümmer mit "Früher war gestern" eine neue LP auf den Markt gebracht. Inspiration fanden die Musiker unter anderem in Texten von Wolfgang Borchert.

von Max Burk

"Ich hatte immer Namen mitgebracht. Ein Name war "Wilde Palme". Dann war es "das letzte Einhorn"", erinnert sich Sänger Paul Pötsch an die Suche nach einem Namen für die Band: "Dann irgendwann kamn "Trümmer" und aus den Trümmern entsteht etwas Neues. Und ich finde es auch immer noch einen guten Namen."

"Früher war gestern": Aufbruchstimmung einer Generation

Eindruck vom Reeperbahnfestival 2021: Die Band Trümmer im Knust. © Julian Rausche
Die Band "Trümmer", hier auf dem Hamburger Reeperbahnfestival: "Wir wollen einen Song schreiben, der Mut macht."

Diskurspunk aus Hamburg: Fünf Jahre sind vergangen seit dem letzten Album der Band Trümmer. In dieser Zeit hat sich nicht nur bei der Band vieles verändert. Sänger Paul Pötsch erinnert sich an das Lebensgefühl von früher: "Als wir damals mit der Band angefangen haben - 2013, 2014 - da war unser Gefühl: 'Was ist mit unserer Generation los?' Es gab keine wirkliche Jugendbewegung und wir haben uns nach einem Aufbruch gesehnt. Man hat sich gefragt: Wo ist das in der Musik?"

Mit Zitaten von Klassenkampf bis Psychotherapie und Popkultur besingen Trümmer die Aufbruchstimmung einer Generation, die aus einem "Immer nur dagegen" ein "dafür" machen will. Pötsch: "Jetzt haben wir eine ganz neue Situation. Es ist 2021. Wir haben "Fridays for Future", "Black Lives Matter". Wir haben "MeToo". Wir haben die ganzen großen Bewegungen, die durch Corona alle ein bisschen einschlafen. Was wollen wir machen? Wir wollten einen Song schreiben, der aktivierend ist, der diese Stimmung einfängt und den Leuten, die sich diesen Bewegungen zugehörig fühlen, Mut macht."

Wolfgang Borchert als Inspiration für Trümmer

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Der Titel für den Song "Draußen vor der Tür" stammt von Wolfgang Borchert. Ein politisches Statement gegen Rechts. "Was mir wichtig ist, ist, dass ich zu einem Thema wie dem Klimawandel eine Emotion entwickle", sagt Pötsch. "Wenn ich das Buch von Luisa Neubauer vom Ende der Klimakrise lese oder wenn ich Nachrichten über den letzten Klimabericht höre, macht das etwas mit mir. Das emotionalisiert mich und ich werde wütend. Ich werde traurig, werde ängstlich und bekomme Panik. Man denkt sich: 'So kann es doch nicht weitergehen.' Und dafür ist Musik da: um Emotionen rauszulassen. Das hört dann jemand im Radio und denkt sich: 'Ja, so geht's mir auch.'"

In der Single "Weißt du noch" schlagen Trümmer andere Töne an: Der Song verarbeitet eine schwierige Trennung, sucht die Schuld jedoch nicht bei der Frau. Ein Gegenentwurf zur wehleidigen Männlichkeit. Stattdessen Zerbrechlichkeit. Poesie. Eine sanfte Frage.

Großes Lob von Ton Steine Scherben für Trümmer

"Das krasseste Kompliment kam von Lanrue, dem Gitarristen von Ton Steine Scherben", erzählt Paul Pötsch. "Er ist mit uns ein bisschen verbandelt, weil unser Gitarrist Helge Hasselblad früher die Ton Steine Scherben-Familie gemischt hat. Lanrue kam nach unserem Berliner-Konzert zu mir und meinte: 'So, ich sage dir mal was. Rio hätte's gefallen.'"

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Julia Westlake © Julia Westlake Foto: Katja Zimmermann

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Früher war gestern

Label:
PIAS
Veröffentlichungsdatum:
17. September 2021

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur - Das Journal | 11.10.2021 | 22:45 Uhr

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