Dunkle Flecken auf der Seele: Tom Schillings düster-schöne Lieder

Stand: 29.05.2022 10:47 Uhr

Mit seiner Band Die Andere Seite hat der Schauspieler und Musiker Tom Schilling das Album "Epithymia" veröffentlicht. Die Lieder entstanden aus der Krise und sind voller Pathos und großer Gefühlen.

von Charlotte Pollex

Ein ehemaliger Friedhof in Neukölln. Tom Schilling ist ein bisschen nervös. Schließlich geht es heute um etwas, das ihm noch mehr am Herzen liegt, als seine Filme. Der Ort passt zu seinen Liedern, die er jetzt unter dem Bandnamen Die Andere Seite veröffentlicht hat - eine Metapher für das Jenseits.

Er erzählt darin von dunklen Flecken auf der Seele: "Musik entsteht bei mir immer aus Krise. Wenn es mir zu gut geht, habe ich nicht das Bedürfnis, Lieder zu schreiben", erzählt Tom Schilling. "Die erste Platte habe ich über Jahre hinweg geschrieben, aber immer nur dann, wenn ich im Ungleichgewicht war. Das neue Album ist insofern anders, dass ich es in kürzester Zeit geschrieben habe und dass ich so neben der Spur war, dass ich es wie in einer manischen Phase einfach geschrieben habe."

Tom Schilling: "Ich bin kein toller Versteller."

Mit dem Titel "Das Lied vom ich" verarbeitet er auch eine Sinnkrise als Schauspieler: "Es ist ein sehr persönliches Stück - vielleicht fällt es mir deshalb schwer, darüber zu reden. Ich glaube, wenn es mir gelingen würde, mich so zu nehmen wie ich bin, würde mir vieles leichter fallen und vielleicht würde ich dann auch ein bisschen zur Ruhe kommen. Da arbeite ich schon lange dran", sagt Tom Schilling und erklärt weiter: "Ich habe immer gedacht, dass es eine ganz andere Kunstform ist - ist es aber gar nicht! Im Film versuche ich immer, viel von mir selbst zu erzählen oder die Stoffe und Figuren, die ich spiele, sehr nah an mich ran zu holen, um dem eine Wahrhaftigkeit zu geben. Ich glaube nicht daran, dass ich ein toller Versteller bin. Da hat die Musik eine große Ähnlichkeit."

Der sympathische Antiheld

Tom Schilling spielte mit vier Jahren in seinem ersten Film mit und mit zwölf Jahren am Berliner Ensemble. Im Friedhofs-Café denkt man unwillkürlich an die Filmfigur, für die man Tom Schilling immer lieben wird: den sympathischen Antihelden. Sein Tagträumer Niko im Film "Oh Boy" wird 2012 zum Sinnbild einer ganzen Generation. Bei den Dreharbeiten lernt er auch seine jetzige Band kennen, die damals die Filmmusik aufnimmt - Freunde des Regisseurs Jan-Ole Gerster: "Er weiß um meine Musikleidenschaft und hat mir Bescheid gesagt, als sie den Soundtrack eingespielt haben", erzählt Schilling. "Das war magisch und hoch virtuos mit anzuschauen, wie ausgefuchst die waren. Da haben wir uns angefreundet."

Perfektionistischer Vollblutmusiker ohne Angst vor Pathos

Tom Schilling ist besessen von Musik. Und ein Perfektionist. Für den Film "Lara" übt er so lange, bis er Chopins "Revolutionsetüde" selbst spielen kann: "Ich habe kurz im Kirchenchor gesungen und kurz Blockflöte und Keyboard gespielt. Dann habe ich mit 20 eine Gitarre geschenkt bekommen und mir das Gitarre spielen selbst drauf geschafft", sagt Schilling. Anschließend habe er angefangen, Klavier zu lernen: "Ich wusste: Ok, so geht das also - das klingt gut. Wenn ich danach den Akkord spiele, klingt das noch besser. Und wenn ich danach die Gesangsmelodie darüber singe, ist das schon fast ein Lied", erzählt er. "Das hat mich total beflügelt - ganz kindlich. Ich hatte nie einen Lehrer, weil ich meine Fehler gern zu Hause zu mache und nicht vor anderen."

Tom Schilling hat keine Angst vor Pathos und großen Gefühlen. Das ist ein wenig aus der Zeit gefallen, aber auch eine große Kunst: "Wenn ich traurige Musik mache, hoffe ich, dass es Hörer erreicht, die damit etwas anfangen können und durchs Hören das Gefühl haben, dass sie verstanden werden - oder dass es da jemanden gibt, der sie sieht."

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Kulturjournal | 30.05.2022 | 22:45 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Spielfilm

Rock und Pop

Mehr Kultur

Jennifer van Brenk, Anna Thorén und Franziska Lessing von Mamma Mia! halten Namensschild und jubeln © NDR.de Foto: Patricia Batlle

Musical "Mamma Mia!": Besetzung für 20-jähriges Jubiläum vorgestellt

Sabine Mayer, Franziska Lessing und Jennifer van Brenk sind "Donna und die Dynamos", die drei Hauptdarstellerinnen von "Mamma Mia!". mehr