Alligatoah mit Mikrofon auf der Bühne und wehenden Schal © picture alliance/dpa | Daniel Karmann Foto: Daniel Karmann

Alligatoah: Deutscher Hip Hop mit deutlicher Sprache

Stand: 06.07.2022 11:57 Uhr

Der selbsternannte "Schauspielrapper" Alligatoah gehört mit seinem humorvollen und gegen den Strich gebürsteten HipHop zu den erfolgreichsten Musikern der Branche. Ein Porträt.

von Alexandra Friedrich

Der gebürtige Niedersachse füllt die großen Konzerthallen und kann mehrere Gold- und Platin-Alben sein Eigen nennen. Was treibt Lukas Strobel, alias Alligatoah, an? "Was mich an Kunst fasziniert, ist auch dann gerade spannend, wenn es mich vor den Kopf stößt und herausholt aus allem, was so vernünftig und gut wäre. Kunst darf keine Wohlfühlzone sein, sondern muss einen auch mal kitzeln. Aber nicht grundlos."

Das Kitzeln, reizen, Reibung erzeugen gehört schon immer zum Kerngeschäft von Lukas Strobel. Vor allem in der Arbeit mit seiner ehemaligen Band Trailerpark, die sich 2019 aufgelöst hat, aber auch als Solokünstler. Mit seinem oft expliziten und drastischen Rap-Vokabular eckt der Musiker immer wieder an.

 

Alligatoah mit Mikrofon auf der Bühne und wehenden Schal © picture alliance/dpa | Daniel Karmann Foto: Daniel Karmann
AUDIO: Alligatoah im Interview (8 Min)

Alligatoahs Alben haben "Explicit Content"

Neun von zwölf Songs auf dem aktuellen Album "Rotz und Wasser" haben das Ettikett "E" für "Explicit Content" bekommen - werden also wegen anstößiger Inhalte als ungeeignet für Minderjährige eingestuft. Bei den Vorgänger-Platten waren es teilweise sogar hundert Prozent der Titel, die so klassifiziert wurden.

Das Cover seines Albums "Triebwerke“ aus 2013 zeigt die nackte Rückseite des Künstlers. Facebook veröffentlichte nur eine zensierte Version des Bildes, weil bei genauem Hinsehen noch mehr als der blanke Po zu erahnen ist.

Raue Rap-Reime treffen auf glatte, poppige Melodien

Dabei, so betont er, gehe es ihm nicht um Provokation um des Provozierens willen. Die Provokation ist für ihn Stilmittel, Werkzeug, um den Punkt zu machen, den er machen möchte, um die Geschichte zu erzählen, die er erzählen will: "Im Allgemeinen kann man sagen, dass ich ein Märchenerzähler bin. Ich erzähle meine Geschichten mit den musikalischen Mitteln, mit denen ich aufgewachsen bin. Das ist allen voran deutschsprachige Rap-Musik, aber auch andere Einflüsse, wie zum Beispiel deutsche Liedermacher oder Metal-Musik. Was auf den ersten Blick nicht zusammen passt, das kommt bei mir zusammen."

Alligatoah liebt Kollisionen und Brüche. In seinen Songs treffen nicht nur unterschiedliche musikalische Gattungen aufeinander, auch die Schere zwischen Text und Musik ist sein Markenzeichen. Raue Rap-Reime treffen auf glatte, poppige Melodien. Etwa in seinem größten Hit "Willst Du" oder "Mit Dir schlafen". Die Musik Anderer sei ihm oft zu eindimensional, zu flach. In seinen Liedern gehe es um die Momente, wo sich die Extreme berühren.

Als "Schauspielrapper" bricht er Konventionen

"Alles, was man fühlt und was es gibt, hat immer zwei Seiten und alles gehört zueinander und zum Menschsein," sagt er. "Das Schöne und das Heldenhafte gehört genauso zum Menschen wie die niederen Instinkte." Um vor allem von diesen niederen Instinkten zu erzählen, schlüpft Alligatoah in verschiedene Rollen, etwa in die eines Terroristen, Cholerikers, Paketboten oder Arztes.

In seiner Rap-Satire spielt er mit Stereotypen und Vorurteilen und kritisiert so Fanatismus, Rassismus, Kapitalismus. "Schauspielrapper" nennt sich Strobel selbst und bricht hier wieder mit einer Konvention: Oberstes Gebot im HipHop ist schließlich die sogenannte "Realness", die Authentizität und Glaubwürdigkeit des Rappers.

Nähe zur Bühne hat Alligatoah geprägt

Die Grundlagen für die Liebe zum Theatralen finden sich in Strobels Elternhaus. 1989 geboren, ist er im niedersächsischen Neuenwalde bei Bremerhaven aufgewachsen als Sohn eines Schauspielers und einer Tänzerin mit einem riesigen Haufen Kostüme im Kinderzimmer: "Ich habe als Kind immer schon mit Kostümen gespielt und mochte die Verkleidung, mochte es, in andere Personen zu gucken, in andere Perspektiven zu schauen. Und das mache ich im Grunde auch immer noch in meinen Texten. Ich bin da immer noch der kleine Junge, der sich verkleidet und guckt: Wie sieht die Welt denn aus der Richtung aus?"

Die Verkleidungskiste im Elternhaus und die Nähe zur Bühne haben ihn geprägt. So sind seine Auftritte auch weniger Konzerte als Rap- und Rock-Opern mit mehreren Akten, spektakulären Kostümen und gigantischen Bühnenbildern. Alles selbst konzipiert. Mit seinen wahnwitzigen Visionen treibt Alligatoah regelmäßig diejenigen an den Rande der Verzweiflung, die sie realisieren sollen. Deswegen versucht er auch, den größtmöglichen Teil seiner Ideen selbst umzusetzen.

Tour im nächsten Jahr geplant

Er schreibt die Drehbücher für seine Musikvideos, spielt die Hauptrolle darin und kümmert sich um den Schnitt. Als einen Kontrollfreak würde er sich generell nicht bezeichnen: "Hinter meinem Studiorechner, am Instrument und am Textblatt, da kann ich als Einziger Kontrolle ausüben und die lasse ich mir halt wirklich nicht nehmen. Da kann kommen, was will."

Da wird noch einiges kommen. Neben Festivalauftritten in diesem Sommer, ist eine Tour zum aktuellen Album "Rotz und Wasser" im nächsten Jahr geplant. Außerdem versucht sich Alligatoah gerade als Hochzeitsmusiker, spielt mit dem Gedanken, ein Musical zu machen und vielleicht gibt es bald auch eine neue Ausgabe seiner Akustik-Konzert-Reihe "Akkordarbeit", für die er zuletzt mit dem Schwellenbach-Streichquartett zusammengearbeitet hat. Es bleibt spannend.

 

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NDR Kultur | Matinee | 05.08.2022 | 15:20 Uhr

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