Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys auf einer Open-Air-Bühne beim SHMF 2020 in Lübeck. © Felix König

SHMF: Der Open-Air-Charme macht viel Arbeit

Stand: 08.08.2021 02:00 Uhr

Viele Konzerte des Schleswig-Holstein Musikfestivals finden in diesem Jahr wegen der Pandemie unter freiem Himmel statt. Fürs Publikum entsteht dadurch eine besondere Atmosphäre. Und eine Menge Arbeit für das Organisationsteam.

von Anina Pommerenke

Wenn plötzlich die Möwen aufs Dach im Kunstwerk Carlshütte hacken oder ein Schwarm Enten an der Open-Air-Bühne auf Gut Emkendorf vorbeifliegt, dann müssen auch gestandene Stars wie Daniel Hope schon mal mitten im Konzert schmunzeln. Die besonderen Spielstätten des Schleswig-Holstein Musikfestivals, die in diesem Jahr wegen der Pandemie zumeist unter freiem Himmel aufgebaut wurden, haben ihren ganz eigenen Charme - bringen aber auch ihre besonderen Herausforderungen mit sich. Davon kann Jörg Plagmann ein Lied singen, denn bei ihm laufen sämtliche Fäden für die Organisation zusammen.

Organisationsleiter: SHMF stand 2021 vor großer Herausforderung

Martin Grubinger mit seiner Formation beim Open Air auf Gut Emkendorf im Rahmen des SHMF 2021. © Felix König Agentur 54°
Martin Grubinger mit seiner Formation beim Open Air auf Gut Emkendorf

Plagmann gehört zu den Urgesteinen des Festivals. Schon seit 1986 ist er für das Festival tätig, mittlerweile seit vielen Jahren als Organisationsleiter. Dieses Jahr gehört seiner Aussage nach auf jeden Fall zu den "beanspruchendsten bisher". Selbst im Gründungsjahr, als die Festivalmacher noch gar nicht genau wussten, in welche Richtung sich das ganze Projekt entwickeln würde, sei das gesamte Team letztlich mit weniger unbekannten Variablen konfrontiert gewesen. Denn: die Konzerte in diesem Sommer müssen immer wieder nach der aktuellen Landesverordnung und Entscheidungen in lokalen Behörden ausgerichtet werden. Die Voraussetzungen haben sich aber immer wieder verändert, weichen je nach Örtlichkeit voneinander ab. Konzepte mussten immer wieder überarbeitet werden: "Das ist für alle Mitarbeiter fürchterlich viel Arbeit", resümiert Plagmann.

Viel Bürokratie bei der Vorbereitung von Konzerten

Trotzdem sei das gesamte Team voller Tatendrang und frohen Mutes, das Festival nun auch noch erfolgreich zu Ende zu spielen. Da in diesem Jahr viele neue Orte bespielt werden sollten, die sonst überhaupt nicht für Veranstaltungen genutzt werden, hatte Plagmann zunächst mit diversen Genehmigungsverfahren zu tun. Dazu gehören zahlreiche Gespräche mit zuständigen Behörden, Ordnungsämtern oder Bauämtern vor Ort. Der Rahmen der Veranstaltung muss genau beschrieben und anschließend ein Antrag auf Sondernutzung gestellt werden. Dabei geht es von der Bestuhlung über den Aufbau der Bühne bis hin zur Frage, wie viele Besucherinnen und Besucher man eigentlich vor Ort empfangen möchte. Alles Faktoren, die bei Planungsbeginn noch völlig unklar waren.

Lautsprecher sind nicht gleich Lautsprecher

Eine große Herausforderung war es für Plagmann auch, alle Dienstleister mit ins Boot zu holen, mit denen das Schleswig-Holstein Musikfestival teils seit Jahren zusammenarbeitet. Auch in dieser Branche hat die Pandemie mit Personal- und Materialabbau ihre Spuren hinterlassen: "Wenn also bei einem Dienstleister keine Stühle mehr da sind, weil sie verkauft worden sind, dann muss man eben schauen, wo man alternativ welche herkriegt." Beim Thema Akustik unter freiem Himmel konnte sich das Festival auf seine langjährige Erfahrung stützen. Da müsse man sehr vorausschauend komponieren, was genau vor Ort eigentlich gebraucht werde, erklärt Plagmann. Man könne nicht einfach wild drauf los Technik bestellen. Lautsprecher sei nicht gleich Lautsprecher und auch die Größe von Tonanlagen sei entscheidend. Gerade mit den Bühnen auf Gut Emkendorf und Schleswig habe man jedoch besonders gute Erfahrungen gemacht. Man wolle an dem Open-Air-Konzept ein Stück weit auch in Zukunft festhalten.

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Mehrere Besucher von hinten sitzend vor einer Bühne mit einem Trommelkonzert. © NDR Foto: Peer-Axel Kröske

Kulturpartner: Schleswig-Holstein Musik Festival

Das SHMF gehört zu den größten Flächenfestivals der Welt. Es verwandelt jeden auch noch so entlegenen Winkel in eine internationale Konzertbühne. extern

Wetter macht den Instrumenten zu schaffen

Hinzu komme das Einhalten von Hygieneregeln, das gehe bei den Abständen auf den Bühnen los, zwischen den Musikern und Chorsängern etwa. Die Künstler müssen sich den örtlichen Gegebenheiten anpassen. Auch das Wetter sei in diesem Sommer eine besonders spannende Variable. Nicht nur das schleswig-holsteinische Publikum zeige sich da bislang unerschrocken und sei offensichtlich bereit alles für einen Konzertbesuch zu geben, auch die geladenen Musikerinnen und Musiker würden sich meist schnell in die Situation einfinden. Einzig das Wetter - egal ob zu nass oder zu heiß - mache den Instrumenten zu schaffen. "Altes Holz und Wasser - das verträgt sich nicht gut", erklärt Plagmann. Und auch für die Instrumentenstimmer seien die Wetterumschwünge ein nicht zu unterschätzender Faktor. Denn: ändert sich die Wetterlage zügig von sehr warm auf sehr kalt, können die Stimmer direkt wieder von vorne anfangen mit ihrer Arbeit.

SHMF-Mitarbeiter: Mit voller Akribie dabei

Plagmanns Tage beginnen zurzeit meist um 8 Uhr morgens und enden in der Regel erst nach einem abendlichen Konzert. "Lange Tage. Aber das macht man ja nicht, weil man es muss - sondern weil man es will. Und das macht meinen Mitarbeitern und mir auf jeden Fall auch Spaß", erzählt er. Richtig erholen, kann er sich dennoch in den SHMF-Konzerten nicht. Schließlich prüfe er immer jedes Detail und sei jederzeit für alle Beteiligten Ansprechpartner. Entspannte Konzerterlebnisse bewahre er sich daher für den Winter auf, wenn er sich ganz ohne Funktion - inkognito sozusagen - unters Publikum mischen kann. Jetzt stehe für ihn und sein Team im Vordergrund, vielen Menschen Kulturerlebnisse zu ermöglichen: "Wir haben große Freude an der Arbeit und auch wenn es so besonders ist in diesem Jahr, sind alle voller Akribie dabei - und das motiviert einen dann auch."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 09.08.2021 | 06:20 Uhr

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