Nigel Kennedy: Enfant terrible der Klassikszene beim SHMF

Stand: 23.07.2021 11:07 Uhr

Am Donnerstagabend war Nigel Kennedy beim Schleswig-Holstein Musik Festival zu Gast: Beim Open Air auf Gut Emkendorf ging es hoch her. 

von Anina Pommerenke

Gut Emkendorf in der Nähe von Rendsburg . © NDR / Anina Pommerenke
Rockstar-Moment auf Gut Emkendorf in der Nähe von Rendsburg

Teebeutel, die durch die Luft fliegen, ein Joint, der auf der Bühne herumgereicht wird, Indianer-Kriegsbemalung und immer wieder die ikonische Irokesen-Frisur: Auf Nigel-Kennedy-Konzerten kann es auch schon mal wild hergehen. Nicht umsonst gilt der Violinist als "Enfant terrible" der Klassikszene - ein Ruf, den er sich über Jahrzehnte hart erarbeitet hat.

Auftritt eines Rockstars: Mit seiner Violine in der einen und einem weißen Becher, in dem mit Sicherheit kein englischer Frühstückstee ist, in der anderen Hand, betritt Nigel Kennedy die Bühne - im St. Pauli-Shirt und neongelben Turnschuhen. Die grauen Haare sind an der Seite abrasiert - nach oben immer noch ein angedeuteter Irokesenschnitt. In Sekundenschnelle hat er das Publikum um den Finger gewickelt.

Musikalisches Highlight: Beethovens einziges Violinkonzert

Nigel Kennedy beim SHMF. © NDR / Anina Pommerenke
Kein Kind von Traurigkeit: Nigel Kennedy im Interview - mit Champagner-Flasche.

Ruhiger ist er mit 64 Jahren nicht geworden, erzählt er im Anschluss beim Interview, zu dem er im Fußball-Trikot erscheint und dabei Champagner aus der Flasche trinkt: "Fragen Sie meine Nachbarn, laut denen hat sich in den letzten 500 Jahren nichts verbessert. Aber bei Musik geht's sowieso um Lärm. Und mit die beste Musik war auch die Lauteste."

Das musikalische Highlight gibt es gleich zu Beginn des Konzerts: Beethovens einziges Violinkonzert. Einen Dirigenten gibt es zunächst nicht. Stattdessen fuchtelt Nigel Kennedy selbst in Richtung des Orchesters, steht lange mit dem Rücken zum Publikum. Doch die teils extrem hohen Kadenzen spielt er fantastisch. Die Kadenz hat sein Schützling geschrieben: Mostafa Saad. Ein junger palästinensischer Violinist und Komponist. Ihm will er seine Liebe zu Beethoven weitergeben, so wie er sie auch von seinem eigenen Mentor, Yehudi Menuhin, mitgegeben bekommen hat: "Wissen Sie, Beethoven hat so ein großes Herz. Und er hat die Musik genommen, damit die Musiker spielen konnten, was sie wollen, und nicht mehr für die Kirche oder den Adel komponieren mussten. Das hat die Musik enorm von nach vorne gebracht."

Nigel Kennedy - für Improvisationstalent gefeiert

Seine Verehrung für Beethoven gipfelt in einem einstündigen Stück mit vier Sätzen, das er eigens zu dessen 250. Geburtstag im vergangenen Jahr komponiert hat. Es ist ein gewöhnungsbedürftiger Mix aus Zitaten und Musikrichtungen. Gewöhnungsbedürftig ist auch sein Benehmen auf der Bühne. Immer wieder pfuscht er dem Dirigenten in sein Dirigat: Haut mit seinem Bogen auf dessen Pult, gibt der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen eigene Anweisungen. Die erträgt das Theater erstaunlich gelassen. Normalerweise wäre dieses Verhalten ein absolutes No Go! Aber Nigel Kennedy verzeiht das Publikum schnell. Auch weil er selbst so viel Spaß an seinem eigenen Werk hat.

Nigel Kennedy wird vom Publikum gefeiert

Das Publikum feiert ihn an diesem Abend, lacht und klatscht - feiert den Entertainer für seine Improvisationen und steht zwischen den Sätzen für Ovationen auf. Nach gut zwei Stunden hat Nigel Kennedy viel gespielt, was gar nicht auf dem Programm stand. Zum Ende greift er noch mal zur E-Violine und spielt ein Stück von Jimi Hendrix. In der Zwischenzeit hat er ein Hemd angezogen, mit einem neon-grünen Konterfei des Rockstars.

Auch wenn das Konzert über weite Strecken musikalisch nicht an das gewohnte SHMF-Niveau anknüpfen konnte, geht das Publikum zufrieden nach Hause - wer unterhalten werden wollte, ist hier auf seine Kosten gekommen. Auch Kennedy selbst ist zufrieden: "That's a special experience, so I am a very happy motherfucker. Yeah man!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 23.07.2021 | 07:20 Uhr

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