Stand: 08.07.2019 13:47 Uhr

"Dr. Nest": Wenn der Psychiater zum Patienten wird

von Daniel Kaiser

Ein Stück ganz ohne Worte ist am Dienstag im Ernst Deutsch Theater in Hamburg zu sehen. Im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festivals ist die Berliner Theatergruppe Familie Flöz mit ihrem Stück "Dr. Nest", das in einer geschlossenen Psychiatrie spielt, zu Gast.

Schauspielerin des Theaterstücks, die auf der Bühne steht und eine Maske trägt.

Familie Flöz: Theater braucht keine Worte

Hamburg Journal -

Drei Tage gastiert die Theatergruppe Familie Flöz mit ihrem Programm "Dr. Nest" im Ernst Deutsch Theater. Das Stück spielt in einer Psychiatrie - aber gesprochen wird dabei nicht.

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Auf der Bühne, kein Wort, aber im Publikum immer wieder Heiterkeit: So klingt ein Abend mit Familie Flöz. Den fünf Schauspielerinnen und Schauspielern gelingt es, ein ganzes Stück ohne gesprochene Worte auf die Bühne zu bringen - nur durch Körpersprache. Dazu tragen alle Figuren Masken mit intensiven Gesichtszügen. Sie sind das Markenzeichen der Familie Flöz. Man erkennt den resignierten Chefarzt, die resolute Krankenschwester und den kecken Zwangsneurotiker.

Diese Gesichter-Masken sind nah an einer Karikatur und schauen bei dem einen verwundert, bei dem anderen genervt oder euphorisch drein. Im Spiel auf der Bühne ist es aber immer wieder so, als würden sich die Gesichtszüge bewegen. Den Schauspielern gelingt es, mit kleinsten Nuancen in der Körpersprache und mit perfektem Timing die Masken lebendig werden zu lassen. Es entsteht eine magische Illusion von Mimik.

Zwischen Witz und Schmerz

Dr. Nest ist der Neue in der Psychiatrie. In seiner Sprechstunde sitzen ein Mann, der sich nur mit Bongotrommeln verständigt, ein Angst-Patient, der sich ans Klavier setzt und seine Panikattacken beim Spielen vergisst, und eine Frau, die ein Kind trägt, das sich als zusammengelegtes Handtuch entpuppt.

Der Abend ist aber viel mehr als nur ein Schaulaufen schauspielerischer Fertigkeiten. Neben den skurrilen Gestalten und vielen witzigen Momenten gibt es immer wieder auch tieftraurige Augenblicke.

Albträume in Blau

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Dr. Nest wird in der Psychatrie selbst zum Patienten. Es stellt sich die Frage: Wer ist eigentlich normal?

Dr. Nest hat die Gabe, sich auf seine Patienten einzulassen, deren Nöte zu erkennen und zu verwandeln. Doch stößt er in seiner Empathie bald selbst an seine Grenzen. In blaues Licht getauchte, mit Dröhnen unterlegte Albträume, in denen er sich immer wieder selbst begegnet, verfolgen ihn. Der Arzt wird schließlich selbst zum Patienten.

Mit perfekter Choreografie wird aus dem Arztkittel eine Zwangsjacke. Sehr berührend ist es, als Dr. Nest dann von seiner Frau besucht wird und sie sprachlos und entfremdet im Krankenzimmer nebeneinandersitzen. Mehr Gefühl hätte man auch nicht mit Mimik zeigen können. Ein live auf der Bühne gespieltes Theremin untermalt immer wieder mit seinem klagenden Sound diese melancholische Stimmung.  

Tragikomödie aus der Psychiatrie

Dieses sinnliche, poetische Stück fragt letztlich: Wer ist eigentlich normal? Am Ende stehen die Patienten mit Vogelhäuschen für ihren "Vogel" am Bühnenrand. Gustav Mahlers "Adagietto" erklingt.

Der Familie Flöz ist mit dieser Tragikomödie aus der Psychiatrie ein Abend mit Tiefe, Tanz und Traurigkeit, aber auch immer wieder mit funkensprühendem, intelligentem Witz und ungeheurer Spielfreude gelungen.  

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 08.07.2019 | 19:00 Uhr

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