Stand: 16.05.2014 12:00 Uhr  | Archiv

Das SHMF - Promis, Pleiten, Prachtkonzerte

von Britta Probol
Helmut Schmidt, Justus Frantz und Uwe Barschel (v. l.), die Festivalbegründer, stehen beim SHMF zusammen. © Friedrun Reinhold Foto: Friedrun Reinhold
Sie fädelten das Klassikereignis ein: Helmut Schmidt, Justus Frantz und Uwe Barschel.

Gespannte Erwartung bei der Gründungsveranstaltung des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF): Geladene Prominenz mischt sich im Kieler Schloss mit den Hansens und Petersens von nebenan, die schnell genug waren, eine der binnen Stunden ausverkauften Eintrittskarten für 10 bis 30 Mark zu ergattern. Endlich geht es los: Justus Frantz spielt charmant den Conférencier, greift dann mit Christoph Eschenbach gemeinsam in die Tasten bei Mozarts Konzert für zwei Klaviere und Orchester. Altkanzler Helmut Schmidt redet über Musik, Will Quadflieg rezitiert, die Stimmung ist bombig. Und der Saal beginnt zu sieden, als Ministerpräsident Uwe Barschel sein künstlerisches Debüt gibt: Zur Musik von Saint-Saëns "Karneval der Tiere" porträtiert er den damaligen Bonner Polit-Zoo - mit Seiner Majestät Franz Josef dem Löwen, Johannes dem Rauhaardackel und nicht zuletzt dem dünnhäutigen pfälzischen Dickhäuter mit der Brille. Der 5. Juli 1985 - eine Sternstunde der Unterhaltung.

Musikalische Weltfestspiele fürs Volk

Der Abend funktionierte genau so, wie er gedacht war: als Initialzündung für das SHMF. "Musikalische Weltfestspiele" für das kleine Küstenland, nichts weniger plante nämlich der damals 41-jährige Pianist und Dirigent Justus Frantz. Aus Schleswig-Holstein sollte die Klassikhochburg ganz Nordeuropas werden, das erste Festival sollte 1986 über die Bühne gehen. Doch erst mal mussten viel Geld und einflussreiche Mitstreiter her, um diesen Traum wahr werden zu lassen.

Zum Glück hatte der Musikus ein paar politische Schwergewichte als Duzfreunde: Helmut Schmidt und Uwe Barschel warben mit Enthusiasmus für das Projekt. Gemeinsam mit dem Kieler Autohändler und Mäzen Ulrich "Ulli" Urban gründete der umtriebige Frantz im Sommer 1985 einen Verein, in dessen Kuratorium sich immer mehr illustre Leute aus Wirtschaft, Medien, Kultur und Politik zusammenfanden - von Jil Sander bis zum Schleswiger Bischof Karlheinz Stoll. Den Vorsitz übernahm der schleswig-holsteinische Ministerpräsident persönlich. Schon nach einem Jahr zählte der Verein fast 3.000 Mitglieder.

"Wir wollten Musik aus dem Getto der Erhabenheit herausbringen und sie wieder unters Volk mischen", das war laut Frantz die Ursprungsidee. Der dynamische Musikmissionar - genannt "Frantz Dampf in allen Gassen" - wollte Menschen, die noch nie etwas mit Klassik zu tun hatten, an Orte holen, die vorher auch noch nie etwas mit klassischer Musik zu tun hatten. Mit basisdemokratischen Eintrittspreisen ab 10 Mark, auch für Star-Konzerte. 

Weltstars entdecken den Charme des platten Lands

Justus Frantz  im SHMF-T-Shirt posiert mit Leonard Bernstein vor Schloss Salzau (1987). © Picture Alliance/dpa
Zwei Abenteurer, die sich verstanden: Frantz und Bernstein.

Doch wie lockt man einen Star in eine Scheune aufs platte Land? Wiederum mit Vitamin B. In seinem weißen Porsche Cabrio kutschierte Justus Frantz 1985 seinen Kumpel Leonard Bernstein, den legendären US-Dirigenten, zwischen Plön und Glücksburg herum. Und "Lennie", immer abenteuerlustig, verliebte sich in das Land und die Idee. Er sagte in Salzburg ab, in Kiel zu und wollte sogar auf sein Honorar verzichten, falls der Festivalversuch scheitern sollte.  

Auch wenn sich Frantz im Organisationsaufwand grob verkalkuliert hatte - "ach, mit einer Halbtagssekretärin werden wir die paar Konzerte wohl schaffen" -, nahm das SHMF binnen Jahresfrist Gestalt an. Schon im ersten Sommer bevölkerten Stars wie Yehudi Menuhin, Sir Neville Marriner, Anne-Sophie Mutter, Swjatoslaw Richter und Mstislaw Rostropowitsch die Güter, Kirchen und die Mehrzweckhallen Schleswig-Holsteins. Die DDR schickte Peter Schreier, Theo Adam, Ludwig Güttler zum kulturellen Kräftemessen.

Melodien für Millionen

Pianist, Dirigent und Komponist Leonard Bernstein im Porträt. © Friedrun Reinhold Foto: Friedrun Reinhold
In Salzburg absagen - nur Leonard Bernstein durfte sich das erlauben.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker eröffnete das erste SHMF am 29. Juni 1986 im Lübecker Dom, Fernsehstationen übertrugen das Ereignis bis hin nach Japan. Als "wahres", wenn auch inoffizielles Eröffnungskonzert blieb jedoch die gigantische Veranstaltung in der Erinnerung haften, die Leonard Bernstein am 2. Juli 1986 bei tropischen Temperaturen in der Kieler Ostseehalle dirigierte: Haydns "Schöpfung" vor fast 8.000 schweißgebadeten Besuchern. Wieder so eine Sternstunde.

Mit rund 80 geplanten Konzerten ging das erste philharmonische Volksfest über die Bühne, im Folgejahr waren es schon fast doppelt so viele. Am künftigen Erfolg des SHMF zweifelte inzwischen keiner mehr, im Gegenteil: Alle rochen jetzt das Potenzial. "Es geht um mehr als Musik - es geht um Imagepflege für unser Land", hatte Ulrich Urban von vornherein gesagt. Tatsächlich wurden schon im ersten Festivalsommer 1986 rund ein Drittel der Karten südlich der Elbe abgesetzt. An Konzerttagen waren die Hotels und Restaurants vor Ort gut gefüllt, das Festival gab dem Fremdenverkehr neue Impulse.

Jugendcamp mit Bernstein

Zeltlager-Atmosphäre: Leonard Bernstein lümmelt abends zusammen mit jungen Musikern der Orchesterakademie Salzau auf dem Rasen. © Friedrun Reinhold Foto: Friedrun Reinhold
Zeltlager-Atmosphäre: Nach den Proben lernen Musiker den privaten "Lennie" kennen.

Dass das Land zwischen den Meeren rasch zu einem leuchtenden Punkt auf dem musikalischen Globus wurde, ist auch der Orchesterakademie auf Schloss Salzau zu verdanken. Leonard Bernstein rief 1987 das erste internationale Jugendorchester zusammen - "eine musikalische Sommeruniversität sozusagen", wie Frantz es formulierte, wo seither alljährlich 120 Musiker bis 26 Jahre von den angesehensten Pultstars der Welt angeleitet werden. Für die jungen Leute ist das Abenteuer und einmalige Chance zugleich. Sie werden bei weltweiten Vorspielen ausgewählt, bestreiten im Sommer diverse SHMF-Konzerte und gehen gemeinsam auf Tournee. Seit 2002 ist Christoph Eschenbach Jugendorchester-Chef. Im selben Jahr gründete das SHMF die Chorakademie, in der sich nach dem gleichen Muster junge Sänger aus aller Welt zusammenfinden. Komplettiert durch die Meisterkurse an der Musikhochschule Lübeck, ist die SHMF-Nachwuchsarbeit europaweit einmalig.

Schrille Töne hinterm Deich

Doch solch ambitionierte Vorhaben kosten viel Geld, genau wie die Auftritte von A-Promis der Musikszene oder die Gagen für weltberühmte Orchester. Anfangs verzichteten eine Reihe von Frantz' Künstlerfreunden auf ihr Honorar. Dennoch fuhr das SHMF 1986 eine Million Mark Verlust ein und gelangte auch in den Folgejahren finanziell nicht in ruhiges Fahrwasser. Trotz stattlichem Landeszuschuss, zahlreichen Sponsoren, Millioneneinnahmen aus Kartenverkäufen und aus Übertragungsrechten, die der NDR als Medienpartner abkauft - 1994 versackte der Ruhm des Festivals in einem Schuldenloch von 3,75 Millionen Mark. So recht durchschaubar sei "das Kieler Gewusel von Schöngeisterei, Gewinnmaximierung und Profilierungssucht nie gewesen", höhnte damals der "Spiegel". Festivalgründer Justus Frantz wies die Verantwortung von sich, schmiss aber dennoch das Handtuch.

Der Retter kam aus Österreich: Kulturmanager Franz Willnauer, der schon bei den Salzburger Festspielen die Geschäfte führte, sanierte die Finanzen und brachte gleich eine Menge Musik aus dem Alpenland mit. Die Länderschwerpunkte waren geboren, die seitdem jedem Festivalsommer ein anderes Gesicht geben.

Spiele für die Jugend

Jetzt segelt das deutsche Musikfestival-Flaggschiff wieder auf Erfolgskurs - seit Herbst 2013 unter neuer Leitung von Intendant Christian Kuhnt. Sein Vorgänger Rolf Beck ubernahm die Führung 1999 - zunächst mit Christoph Eschenbach als Doppelspitze, ab 2002 allein. "Wir sind nicht angetreten, die tragenden Säulen des Festivals zu verändern", betonte Beck seinerzeit. Aber er justierte die Stellschrauben wieder mehr in Richtung "Volksfest": Populäre Jazz- und Folkkonzerte, ja sogar Ausflüge in den Pop- und Electro-Bereich sollen ein jüngeres Publikum anlocken. 2008 war nur jeder sechste Besucher unter 45 - das SHMF steuert mit Kindermusikfesten, Familienkonzerten und Kinderbetreuung während der Musikwochenenden auf dem Lande dagegen.

Und der Festivalgründer? Der schaut gelegentlich auf Besuch vorbei bei seinem geistigen Kind, das längst erwachsen geworden ist. Zum 25. Geburtstag trat er sogar mal wieder selbst auf die Bühne: Beim Jubiläumsfest am 15. August 2010 gab Justus Frantz gemeinsam mit Christoph Eschenbach das Doppelkonzert für zwei Klaviere und Orchester Es-Dur KV 365 von Wolfgang Amadeus Mozart - wie beim allerersten SHMF-Konzert. Und wieder kam viel Prominenz - neben den Hansens und Petersens von nebenan.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 08.07.2010 | 08:59 Uhr

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