Der Schauspieler und Synchronsprecher Christian Brückner gestikuliert am Podium © picture alliance/dpa | Horst Galuschka Foto:  Horst Galuschka

Christian Brückner beim SHMF im Bucerius Kunst Forum Hamburg

Stand: 05.08.2021 15:02 Uhr

Sprecherlegende Christian Brückner war am Mittwoch im Rahmen des SHMF zu Gast im Bucerius Kunst Forum. Er las in Hamburg aus dem Text "Ein Gang durch die Katakomben" von Adalbert Stifter, in einem musikalisch-literarischen Programm mit der Pianistin Hideyo Harada.

Der Schauspieler und Synchronsprecher Christian Brückner gestikuliert am Podium © picture alliance/dpa | Horst Galuschka Foto:  Horst Galuschka
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von Marcus Stäbler

"Zwischenwelten": So lautet der Titel eines musikalisch-literarischen Programms, das eigens für das Schleswig-Holstein Musik Festival entstanden ist, konzipiert vom Dramaturgen Frank Siebert. Musik von Franz Schubert trifft auf eine Erzählung von Adalbert Stifter mit dem Titel "Ein Gang durch die Katakomben". Die Begegnung war am Mittwoch zweimal mit der Pianistin Hideyo Harada und dem Schauspieler Christian Brückner im Bucerius Kunst Forum zu erleben.

Christian Brückner trifft auf Pianistin Hideyo Harada beim SHMF

Hideyo Harada taucht den Beginn von Schuberts letzter Klaviersonate in ein gedämpftes Licht. Eine tiefe Wehmut schimmert auf. Für die japanische Pianistin ist die Sonate, entstanden in den letzten Lebensmonaten des Komponisten, ein Werk des Abschieds: "Nachdem er seine Krankheit bekommen hat, hat er sein ganzes Leben gewusst, dass er bald stirbt. Das heißt, alle Stücke hatten mehr oder weniger mit dem Tod zu tun."

Schuberts anrührende Musik traf im Bucerius Kunst Forum auf einen Text von Adalbert Stifter mit dem Titel "Ein Gang durch die Katakomben." Er ist 13 Jahre nach der Schubert-Sonate entstanden, ebenfalls in Wien, und führt in ein dunkles Reich, unter dem Stephansdom. Der Schauspieler Christian Brückner nahm das Publikum mit zum etwas schaurigen Ort, an dem unzählige Leichen bestattet sind. Mit beinahe chirurgischer Präzision schildert der Autor Adalbert Stifter seine Beobachtungen beim Rundgang durch die Katakomben unter dem Wiener Stephansdom, im Jahr 1841:

"Ein Berg von Moder stieg gegen die Gewölbemauer empor, aus ihm ragten Lappen von Gewändern heraus, mitunter Holzsplitter. Oder es blickte ein Arm hervor oder ein Fuß mit Zehen oder eine zusammengekrümmte Gestalt saß auf demselben, eine andere lag der Länge nach, wieder andere standen aufrecht." "Ein Gang durch die Katakomben."

Konzert im spannenden Kontrast zum gelesenen Text

Dadurch entstand im Konzert ein spannender Kontrast: auf der einen Seite die emotionale Annäherung an den Tod durch die Musik, aus der Sicht des gerade mal 31-jährigen Franz Schubert, der weiß, dass er dem Ende entgegengeht. Auf der anderen Seite, zwischen die vier Sätze der Sonate eingeschoben, die Textausschnitte von Stifter und ihr nüchterner Blick auf die Überreste der vor langer Zeit Gestorbenen, verbunden mit Gedanken zur Vergänglichkeit. "Denn für uns Sterbliche ist keine Stelle in diesem Universum so beständig, dass man auf ihr berühmt werden könnte. Die Erde selber wird von den nächsten Sonnen nicht mehr gesehen", liest Brückner aus Stifters Text.

Christian Brückner modelliert Ton und Tempo

Text und Musik umkreisen das schwierige Thema Tod, ohne dass es deprimierend wird. "Es macht, glaube ich, gar nicht unbedingt traurig, sondern führt uns einfach so an den Rand des Abgrundes", sagt Christian Brückner über das Programm. Er selbst trägt ganz entscheidend dazu bei, dass das Konzept aufgeht. Beeindruckend, wie der erfahrene Schauspieler Ton und Tempo der Texte modelliert, wie er die Hörerinnen und Hörer auch durch verschachtelte Satzgefüge immer bis ans Ende mitnimmt.

Anders als er wirkt die Pianistin Hideyo Harada im Nachmittagskonzert stellenweise ein bisschen nervös. Aber auch sie zaubert einige wunderbare Momente, etwa im langsamen Satz. Und sie ergründet auch die Phasen der Angst und der Kälte in Schuberts Musik. Manche Idee sei erst jetzt in ihr gereift. Die Begegnung mit dem Text von Stifter habe Spuren hinterlassen, bekennt Harada. "Es hat meine Interpretation geändert", so die Musikerin.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 03.08.2021 | 06:40 Uhr

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