Stand: 31.08.2020 10:07 Uhr

Abschluss des SHMF: "Traut uns mehr zu!"

von Anina Pommerenke

Am Sonntagabend ist das Schleswig-Holstein Musik Festival offiziell zu Ende gegangen. In der Holstenhalle in Neumünster gab es zweimal hintereinander ein gut einstündiges Konzert-Programm. Den aktuellen Hygieneauflagen entsprechend konnten nur je 250 Gäste dabei sein. Trotzdem war es ein würdiger und feierlicher Abschluss einer außergewöhnlichen Festivalsaison.

Das Orchester auf der Bühne erhebt sich vorm Publikum.  Foto: Anina Pommerenke
Während im Publikum Abstände zwischen den Stühlen eingehalten werden, darf das Orchester dank regelmäßiger Tests abstandslos auftreten.

Es war ein ungewohntes Bild: In der großen Messehalle unter dem hohen, gewölbten Dach war mittig eine Bühne aufgebaut. Normalerweise finden hier mehr als 5.000 Menschen Platz. Der aktuellen Landesverordnung entsprechend durften bei beiden Konzerten nur je 250 Besucher dabei sein. Die wirkten etwas verloren in der großen Halle. Paarweise waren die Stühle zusammengestellt, mit ausreichend Abstand zum Nachbarn. Festivalintendant Christian Kuhnt scherzte: "Im Beethoven-Jahr haben wir zu seinem 250. Geburtstag für jedes Jahr einen Stuhl aufgestellt!" Doch er wandte sich auch mit einem emotionalen Appell an das Publikum und die versammelte Prominenz: "Traut uns mehr zu!". Schließlich hätte es im Zusammenhang mit dem Festival keine einzige Corona-Infektion gegeben.

Unverständnis bis Dankbarkeit im Publikum

Das Publikum reagierte mit unterschiedlichen Emotionen auf die besondere Kulisse. Ein Besucher sagte, die leere Halle mache ihn traurig, er betonte die Relevanz der Kultur für die Gesellschaft. Und er hoffe, dass Konzerte auch bald wieder in einem anderen Rahmen möglich seien. Teilweise herrschte Unverständnis darüber, dass nicht mehr Zuschauer an dem Abschlusskonzert teilnehmen konnten. Bei anderen überwog die Dankbarkeit darüber, dass überhaupt Konzerte möglich gemacht werden.

Festivalintendant Christian Kuhnt und Ministerpräsident Daniel Günther sitzen auf einem Traktor.  Foto: Anina Pommerenke
Festivalintendant Christian Kuht und Ministerpräsident Daniel Günther freuten sich über einen gelungenen Abend.

Viele waren auch erleichtert, wie einfach es ihnen gemacht wurde, sich an die Abstandsregelungen zu halten. Der anwesende Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Daniel Günther betonte, dass es seiner Meinung nach nicht die Zeit für weitere Lockerungen sei. Aber das Festival habe gezeigt, dass man neue Formate ausprobieren könne. Das SHMF habe ihm so Hoffnung für die Zukunft gemacht.

Orchester mit unbändiger Spielfreude

Besonders war auch das Ersatzprogramm für die ursprünglich geplante Opernaufführung. Neben Beethovens 5. Sinfonie standen unter anderem Arien aus "Così fan tutte" und "Don Giovanni" auf dem Programm. Es spielten das Balthasar-Neumann-Ensemble unter der Leitung des ehemaligen NDR Elbphilharmonie Orchester-Chefdirigenten Thomas Hengelbrock.

Solisten waren die Sopranistin Camilla Tilling und der Tenor Stanislas de Barbeyrac. Den knapp 50 beteiligten Musikerinnen und Musikern war der Hunger nach Auftritten und eine unbändige Spielfreude deutlich anzumerken. Das Programm überraschte besonders deshalb, weil die 5. Sinfonie nicht am Stück, sondern satzweise gespielt wurde. Dirigent Hengelbrock erklärte, dass dies zu Beethovens Zeiten eine durchaus gängige Spielpraxis gewesen sei. Während auf der Bühne große Gefühle gezeigt wurden, gab das Publikum über eine Stunde keinen Mucks von sich: kein Husten, kein Klatschen. Erst nach einer guten Stunde entlud sich die Begeisterung der Zuschauer in euphorischem Applaus.

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Strenges Hygienekonzept für das Ensemble

Dass überhaupt 50 Musikerinnen und Musiker auf der Bühne stehen durften, war einem strengen Hygienekonzept zu verdanken, das Dirigent Hengelbrock gemeinsam mit Experten entwickelt hatte. Sein Ensemble musste sich unter anderem dazu verpflichten, die Corona-Abstandsregeln besonders streng einzuhalten. Außerdem wurden alle Musikerinnen und Musiker alle zwei Tage getestet. Somit musste das Ensemble auf der Bühne keinen Abstand halten - für Hengelbrock ein absolut wichtiger Bestandteil für das gemeinsam Musizieren. Mit den Übergangsformaten würde man langfristig keine Zuschauerinnen und Zuschauer mehr in die Konzertsäle locken, so seine Befürchtung. Auch er machte seine Forderung deutlich, dass die Politik noch feineres Besteck benötige und sich einzelne Veranstaltung besser anschauen müsse.

Würdiger und feierlicher Abschluss für außergewöhnliches SHMF

Christian Kuhnt betonte zum Abschluss des "Sommers der Möglichkeiten" noch einmal, dass es kein Notprogramm gegeben habe. Jede einzelne Veranstaltung habe den höchsten Ansprüchen entsprochen, so auch dieses außergewöhnliche Programm zum Abschluss: "Das ist das, was wir immer wieder erleben wollen: Überraschung und Konzentration. Ich war gerade noch hinter der Bühne und da wird ausgelassen gefeiert. Weil man auch einfach diese Energie spürt, die durch gemeinsames Musizieren entsteht!"

Und so war dieser Abend ein würdiger und feierlicher Abschluss für einen außergewöhnlichen Festivalsommer in Schleswig-Holstein.

Kleines Publikum auf Stühlen mit Abständen vor kleiner Bühne in der Holstenhalle Neumünster  Foto: Anina Pommerenke

AUDIO: Eindrücke vom Abschlusskonzert des SHMF (5 Min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 31.08.2020 | 10:20 Uhr

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