Der Klarinettist Kinan Azmeh bei seinem Auftritt. © Niedersächsische Musiktage Foto: Helge Krückeberg

Karate, Gesang und Instrumentalmusik zum Thema "Atem"

Stand: 21.10.2020 08:23 Uhr

Bei einem Sonderkonzert der Niedersächsischen Musiktage traten der NDR Chor und weitere Musiker in Hannover auf. Das Programm trug den Titel "Atemübungen".

von Miriam Stolzenwald

Es klingt wie ein komponierter Wind, wenn die 16 Sängerinnen und Sänger des NDR Chors das Wort "Atem" in den Sprachen der Länder singen, die besonders mit der Corona-Pandemie zu kämpfen haben. Und dann verschwindet der Geräuschteppich nach und nach und geht über in Pfeifen, in Singen.

Es ist die Uraufführung des Werkes "Atem Geist Leben" von Thomas Cornelius. Der Komponist will darin aktuelle Themen aufgreifen: "Es war eine Auftragskomposition mit der Idee, all das einzufangen, was gerade in der Luft liegt, im wahrsten Sinne des Wortes. Und ein Stück zu schreiben, das das Wort Corona vielleicht nicht direkt in den Mund nimmt, aber später musikalisch einen Rückblick auf unsere Zeit sein kann.“

Klage über Verlorengegangenes

Die Musik ist wie eine Klage über etwas, das verloren gegangen ist, traurig, tragisch. Diese Stimmung bringt der NDR Chor unter Klaas Stok wunderschön zum Ausdruck, auch wenn stellenweise nicht ganz klar ist, ob die Intonation etwas unsauber ist oder der Komponist es genau so geschrieben hat.

Auf den Chor folgt die Bratschistin Tabea Zimmermann mit Werken von Johann Sebastian Bach und György Kurtág. Die fragilen Flageoletts klingen wie ein zarter Atemzug auf der Bratsche. Tabea Zimmermann macht Kurtágs nicht ganz leichte Musik enorm transparent. Die Suite Nr. 4 für Viola solo von Bach spielt sie mit sattem, warmem, rundem Klang, der manchmal sogar etwas rau wird. Dadurch bekommt Zimmermans Interpretation einen wunderbar eigenen Charakter.

Die Musikerin Tabea Zimmermann spielt auf ihrer Bratsche. © Niedersächsische Musiktage Foto: Helge Krückeberg

AUDIO: NDR Chor und Tabea Zimmermann mit "Atemübungen" in Hannover (4 Min)

Nach der Pause spielen der Pianist Florian Weber und der Klarinettist Kinan Azmeh eine "Improvisation mit langem Atem". Ihre Musik zeichnet sich durch ein besonderes Miteinander aus: Sie spielen sich die Ideen zu, greifen sie auf, reagieren aufeinander, und vor allem haben sie gemeinsam besonders viel Spaß bei der Sache.

Karate, Musik und Atem

Am Ende gibt es von der Capella de la Torre Musik von Josquin Desprez zusammen mit Karate-Kunst des Karatemeisters Maurizio Castrucci. Die Leiterin des Ensembles, Katharina Bäuml, erzählt, dass sie Castrucci im Flugzeug kennengelernt hat und so auf die Idee kam: "Karatemeister sagen, wenn man einatmet, ist man schwach, weil sie immer ausatmen, wenn sie gerade eine Bewegung machen, einen Schlag oder einen Stoß. Wir sind alle schwach, wenn wir das Corona-Virus einatmen. Wir atmen ein und spielen unsere historischen Blasinstrumente, versuchen aber auch, das Einatmen eher unauffällig zu machen, weil es auf einen langen Ausatme-Vorgang ankommt."

Obwohl die Capella de la Torre mit ihrem künstlerisch hohen Niveau besticht und auch der Karatemeister überzeugend ist, löst dieser Programmpunkt doch nicht so recht ein, was man sich am Anfang von Karate und Musik versprochen hat.

Insgesamt überzeugen Künstler und Programm an diesem Abend jedoch durch Vielseitigkeit, Exzellenz und Ideenreichtum.

NDR Kultur sendet einen Mitschnitt des Konzerts am 2. November 2020 in der Sendung "Welt der Musik".

Weitere Informationen
Ensemblefoto: der NDR Chor auf der Plaza der Elbphilharmonie Hamburg © NDR Foto: Peter Hundert

Der NDR Chor

Der NDR Chor gehört zu den international führenden Kammerchören mit einem Repertoire von Alter Musik bis zu Uraufführungen. mehr

Dieses Thema im Programm:

Klassisch in den Tag | 21.10.2020 | 07:20 Uhr

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