Stand: 04.11.2016 14:22 Uhr

Der NDR Chor von 1946 bis heute

von Marcus Stäbler

Eine faszinierende und neuartige Welt der flirrenden Sphärenklänge: György Ligetis A-cappella-Stück "Lux aeterna" ist heute ein Klassiker der Moderne, auch durch Stanley Kubricks Kultfilm "Space Odyssey". Die erste chorische Aufführung von Ligetis Meisterwerk dirigierte Helmut Franz 1967 in der NDR-Reihe das neue werk: eines von vielen Konzerten, mit denen der NDR Chor sich als Spezialensemble für Neue Musik positionierte.

Helmut Franz, zuvor Kapellmeister und Chordirektor am Landestheater Darmstadt, rückte die Herausforderungen der zeitgenössischen Werke stärker in den Fokus und betonte die Sonderstellung des NDR Chors: "Der Rundfunkchor ist eine Gruppe von Spezialisten, die sich den höchsten Aufgaben widmen, die ein Chor zu leisten fähig ist. Der Chor hat natürlich durch seine Elitefunktion die Aufgabe, vor allem moderne Werke zu singen, die andere Chöre aus zeitlichen Gründen oder aus Fähigkeitsgründen nicht pflegen können."

Neue Musik spaltete Musikszene

In der Amtszeit von Helmut Franz mischte der NDR Chor bei vielen Uraufführungen mit. Darunter Pendereckis "Utrenja" und das skandalumwobene "Floß der Medusa" von Hans Werner Henze. Dessen Premiere im Jahr 1968 musste wegen klassenkämpferischer Tumulte im Publikum abgebrochen werden, bevor sie überhaupt angefangen hatte. Handfeste Krawalle und ein Polizeieinsatz bei einem klassischen Konzert - und der NDR Chor war mittendrin. Eine Episode aus einer Zeit, als die Neue Musik noch politisch war und echte Proteste auslöste. Zeitgenössische Komponisten wie Hans Werner Henze oder Karlheinz Stockhausen spalteten das Publikum in Fans und empörte Gegner.

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Bassbariton Christfried Biebrach gehört dem NDR Chor seit 1976 an und erinnert sich an besondere Momente der vergangenen vier Jahrzehnte.

Die Zusammenarbeit mit solchen Persönlichkeiten hatte für die Sänger einen ganz besonderen Reiz, wie Christfried Biebrach erklärt. Der Bassbariton kam 1976 zum NDR Chor und erinnert sich noch gern an die Begegnungen seiner Anfangszeit: "Stockhausen zum Beispiel - mit dem haben wir einige Tage geprobt. Das Stück hieß 'Atmen gibt das Leben'. Das war szenisch auch vorgesehen, und er war er zu jeder Probe da und hat sehr akribisch jede Bewegung mit Regie geführt. Der hatte eine ganz, ganz klare Vorstellung von allem, was mit seiner Musik zu tun hatte. Mit seinem immer gleichen weißen Hemd mit Rüschen, sicher nicht von der Stange. Es war ein Guru. Tolle Erlebnisse mit solchen Ausnahmemusikern und -komponisten!"

Zum Abschied gab's Bach

Während der 1970er-Jahre war der NDR Chor mit seinen Ur- und Erstaufführungen bei vielen Festivals im Ausland zu Gast, zum Beispiel mit Karlheinz Stockhausen auf einer Tournee nach Maribor, Zagreb und Sarajewo. Für seinen Abschied als Chordirektor 1978 kehrte Helmut Franz jedoch ins barocke Repertoire zurück und dirigierte die von ihm sehr geliebte h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 06.05.2016 | 19:00 Uhr

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