Stand: 19.08.2019 13:56 Uhr

Uchidas Schubertiade als Höhepunkt der Festspiele MV

von Karin Erichsen

In der Reihe "Meisterpianisten" interpretierte die 70-jährige Künstlerin Mitsuko Uchida bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern am Sonntag in der Heiligen-Geist-Kirche Wismars auf atemberaubende Weise die drei letzten Klaviersonaten von Franz Schubert.

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Die 70-jährige Pianistin Mitsuko Uchida spielte in Wismar die drei letzten Klaviersonaten Schuberts.

Mitsuko Uchida spielte am Sonntag in Wismar ein gewaltiges Schubert-Konzert - musikalisch, intellektuell und emotional absolut ergreifend. Es war ein echter Höhepunkt des Festspielsommers in Mecklenburg-Vorpommern.

Mitsuko Uchida beeindruckt bei den Festspielen MV

Schon die Aufmachung der japanischen Pianistin war besonders: ein schlichtes, schwarzes Gewand, eine goldene Schärpe, die sie mit großer Schleife um die schmale Taille gebunden hatte, silberne Schuhe im Rokokostil. Sehr tief verbeugte sie sich vor dem Publikum, setzte die Brille auf, strich die Haare zurück und begann unvermittelt und kraftvoll ein Rezital, das vom ersten Akkord an den Konzertsaal in spannungsgeladene Stille versetzte.

Extreme Gefühlswelten in Schuberts Klaviersonaten

Die drei Klaviersonaten, die Franz Schubert in seinem letzten Lebensjahr 1828 komponiert hat, sind absolute Meisterwerke. Sie bieten alles, was musikalisch möglich ist: wunderbare Melodien, lyrischen Zauber, perlende Tonläufe, abrupte Stimmungswechsel, groteske Überzeichnungen, schroffe Dissonanzen, wahnsinnige Abgründe. Es ist stets sehr viel Licht und gleichzeitig dunkelster Schatten in der Musik von Franz Schubert. In seinen letzten Sonaten hat er die Gefühlswelten jedoch ins Extreme gesteigert.

Fortissimo auf dem Steinway-Flügel

So spielte es auch Mitsuko Uchida. Ihre Interpretation war zweieinhalb Stunden lang voller Energie. Jeden Ton, jede Phrase hat die 70-jährige Pianistin wohl tausendmal gedanklich durchdrungen und auf besondere Weise gestaltet. Ihr Spektrum reichte vom kaum hörbar zarten Anschlag bis zur Grenze dessen, was ein Steinway leisten kann. Wenn sie bei den gewaltigen Ausbrüchen im Mittelteil der A-Dur Sonate Nr. 20 derart auf die Tasten schlug, dass die Mechanik des Flügels hörbar wurde und die Saiten zu springen drohten, ging es nicht mehr um irgendeinen Ton, sondern um das pure Überleben.

Atemberaubend war, mit welcher emotionalen Beweglichkeit Mitsuko Uchida auf diese Passagen des absoluten Wahnsinns unvermittelt die Heiterkeit des Seins in Gestalt einer beschwingten Melodie folgen lassen konnte. Wie sie Pausen zwischen den überraschend widersprüchlichen Themen aushielt und die Heiligen-Geist-Kirche mit ihrer wunderbaren Akustik in Nachklang und Erwartung atmen ließ.

Nach dem Vortrag erhielt sie stehende Ovationen. Dafür verneigte sich Mitsuko Uchida vor dem Publikum so tief, dass ihr Gesicht fast die Knie berührten. Eine Zugabe gab sie nicht. Den Zuhörern wird dieses Konzert trotzdem in Erinnerung bleiben.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kunstkaten | 19.08.2019 | 19:00 Uhr