Stand: 27.02.2020 11:54 Uhr

Martynas Levickis entstaubt das Akkordeon

von Karin Erichsen

Eine enorme Aufgabe liegt vor dem jungen litauischen Akkordeonvirtuosen Martynas Levickis. Es wäre ein Wunder, wenn er dabei nicht auch mit gewisser Anspannung auf diesen Sommer blicken würde. Denn als Artist in Residence soll er bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern rund 25 Konzerte gestalten - angefangen mit dem Eröffnungskonzert am 13. Juni in der Konzertkirche Neubrandenburg.

Der Musiker Martynas Levickis mit dem Intendanten der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern Markus Fein.  Foto: Karin Erichsen
2014 ist Martynas Levickis (links) das ersten Mal Gast der Festspielen MV und des Intendanten Markus Fein.

Dort will er gemeinsam mit der NDR Radiophilharmonie Geshwins "Rhapsody in Blue" in einer Adaption für Akkordeon interpretieren - ein Werk, das ihn bereits einige Nerven gekostet hat. "But finally I have nailed it", sagt der 1990 in Tauroggen geborene Künstler. Er hat Gershwin also geknackt.

Martynas Levickis spricht ein exzellentes Englisch. Er hat längere Zeit in London studiert und lebt nun in der litauischen Hauptstadt Wilna. Dort will er sich als nächstes der Festspielouvertüre widmen, einem Auftragswerk zum Start des Festivals, das er selbst komponieren wird. Musikalische Motive dafür gehen ihm seit längerer Zeit im Kopf herum, aber er müsse nun endlich einen Stift und weißes Papier zur Hand nehmen, so der Publikumspreisträger aus dem Jahr 2014.

Das Akkordeon - kein typisches Instrument im Konzertsaal

Wo immer er auftrat, ließen sich die Zuhörer schnell einfangen, von seiner leidenschaftlichen und gleichzeitig virtuosen Art zu Musizieren - auf einem Instrument, das eigentlich nicht im klassischen Konzertsaal zu Hause ist.

Porträt
Martynas Levickis © Mindo Cikanavičius Foto: Mindo Cikanavičius

Martynas Levickis: Der Ausnahme-Akkordeonist

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Fast jeder Mensch habe über Verwandte eine Beziehung zum Akkordeon. Oft erzählten ihm Leute nach dem Konzert: "Oh, meine Tante oder mein Großvater spielten mal Akkordeon. Aber nun steht es auf dem Dachboden." Das wolle er ändern, sagt Martynas Levickis, er möchte die Menschen dazu bringen, das Akkordeon wieder zu hören und neu zu entdecken. Die musikalische Bandbreite seiner Konzerte und ist riesig.

Auf dem Programm stehen sowohl klassische Konzerte mit großen Orchestern, zum Beispiel der NDR Radiophilharmonie, der Jungen Norddeutschen Philharmonie oder dem L'Arte Del Mondo, sowie Auftritte mit Kammermusikpartnern wie dem Heath Quartet, dem Danish String Quartet, dem Klarinettisten David Orlowsky oder der Organistin Iveta Apkalna. Mit dem Bariton Benjamin Appl widmet sich Martynas Levickis erstmals Liedern von Brahms, Schubert und Mahler.

Außerdem präsentiert Martynas Levickis zeitgenössische Musik für Akkordeon. In Litauen leitet er selbst ein Akkordeon-Festival, das Komponisten und Musiker aller Genres dazu anregen soll, sich mit seinem Instrument zu befassen und dessen Repertoire zu erweitern. In Mecklenburg-Vorpommern präsentiert Martynas Levickis zum Beispiel auf dem Detect Classic Festival in Neubrandenburg neue Projekte mit dem Signum Saxophone Quartet, mit dem Schlagzeuger Alexej Gerassimez, mit Thor Rixon oder Andi Otto, also Künstlern, die sich mit elektronischer Musik befassen.

Martynas Levickis kennt alle Facetten des Instruments

Nicht vergessen werden soll, dass das Akkordeon aus der Volksmusik kommt. Er selber sei im Grunde als Kind über baltische Volksweisen zu seinem Instrument gelangt, sagt Martynas Levickis.

Autodidaktisch habe er zunächst Melodien seiner Heimat und Naturklänge nachgespielt, bevor er schließlich Unterricht bekam. Mit der Umstellung auf professionelle Spieltechniken hatte er lange Zeit zu kämpfen, bevor schließlich der Knoten platzte und er die Möglichkeiten erkannte, die ihm nun auf dem Instrument zur Verfügung standen, sagt der Akkordeonist. So wird er im Sommer auch traditionelle, baltische Volksweisen präsentieren, die er jedoch virtuos für den Konzertsaal bearbeitet hat.

Der Musiker Martynas Levickis bei einer Pressekonferenz zu den Festispielen Meclenburg Vorpommern.  Foto: Karin Erichsen
In diesem Jahr ist Martynas Levickis Preisträger der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.

Schließlich wird auch viel Tanzmusik erklingen - Jazz und Tango aus Südamerika. Dazu hat Martynas Levickis vielseitige Künstler wie die Jazz-Violinistin und Sängerin Lizzie Ball aus London oder den argentinischen Komponisten und Mundharmonikavirtuosen Fanco Luciani eingeladen.

Gern möchte Martynas Levickis seine Konzerte auch moderieren. Über seine Musik weiß er dem Publikum viele Geschichten zu erzählen. Leider spreche er bislang kein Deutsch, aber er hoffe, bis zum Sommer einige Sätze gelernt zu haben. Einen Lehrer, der ihm Privatunterricht erteilen soll, hat er bereits gefunden. Er wolle während der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin ziehen, sagt Martynas Levickis, so sei er dicht dran an seinen Konzertorten, die sich vom Nordwesten Mecklenburgs quer über das Land bis nach Vorpommern verteilen.

Was er nach dem Sommer tun möchte, sei bislang noch völlig offen, sagt Martynas Levickis, wahrscheinlich erstmal in ein tiefes Loch fallen und durchatmen.

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 26.02.2020 | 19:05 Uhr

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