Stand: 12.08.2019 14:22 Uhr

Festspiele MV: Kit Armstrong am Hammerklavier

von Karin Erichsen
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In den hinteren Reihen der Heiligen-Geist-Kirche in Wismar war das Hammerklavier kaum zu hören.

In der Reihe "Meisterwerke und Raritäten" hat Kit Armstrong auf einem historischen Hammerklavier Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und Carl Philipp Emanuel Bach gespielt. Gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik (Akamus) trat er bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern am Sonntag in der Heiligen-Geist-Kirche in Wismar auf.

Der Klang eines Hammerklavieres war für das Publikum in Wismar erst mal gewöhnungsbedürftig: Er lag irgendwo zwischen Cembalo und Klavier, war aber weder so mechanisch hell wie der eines Cembalos noch so volltönend und rund wie der eines modernen Klaviers. Und obwohl Kit Armstrong im Zentrum der Bühne in die Tasten griff, war zunächst gar nichts zu hören.

Hammerklavier kann sich gegen das Orchester nicht durchsetzen

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Konzertmeister Bernhard Forck leitete das Orchester durch Stücke von Mozart und Carl Philipp Emanuel Bach.

Zu Beginn des Konzertes ersetzte er als Continuo-Spieler (Bassstimme) bei Mozarts Sinfonie in A-Dur KV 201 den Cembalisten der Akademie für Alte Musik (Akamus). Doch während der Cembalist Raphael Alpermann ansonsten als treibender Puls über den Streichern steht, war Kit Armstrong am Hammerklavier selbst in den ersten Reihen überhaupt nicht vernehmbar. Der zurückhaltende oder sogar dumpfe Klang des historischen Flügels konnte sich beim exakten Zusammenspiel nicht gegen das Kammerorchester durchsetzen. Dennoch war die Interpretation ein Ereignis: tänzerisch leicht, fein akzentuiert und energiegeladen. Souverän und kräftig besetzten zwei Celli und ein Kontrabass die Continuo-Gruppe. Aufmerksam und mit großem Gestaltungswillen leitete Konzertmeister Bernhard Forck sein Ensemble. Es war eine Freude, nicht nur zu hören, sondern auch zu beobachten, wie das Orchester ihm folgte.

Neben Mozarts Werken zählt auch die Musik von Carl Philipp Emanuel Bach zum Kern-Repertoire der Akamus. Seit seiner Gründung im Jahr 1982 führt das Berliner Kammerorchester immer wieder die Werke des Komponisten, der preußischer Hof-Komponist unter Friedrich dem Großen war, mit Originalklang-Instrumenten auf. Zahlreiche Sinfonien und mehr als fünfzig Klavierkonzerte hat der berühmteste Sohn von Johann Sebastian Bach hinterlassen. Bei den großen Konzertpianisten stehen sie heute aber kaum noch auf dem Spielplan.

Authentische Eindrücke durch Originalklang-Instrumente

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Bernhard Forck und Kit Armstrong interpretieren Mozart mit den Instrumenten der damaligen Zeit.

Kit Armstrong jedoch ist schon häufig mit ungewöhnlichen Programmen aufgefallen. Und bereits beim NDR Foyerkonzert im Herbst auf Schloss Groß Schwansee hatte er angekündigt, dass er in Zukunft nicht mehr ausschließlich den Steinway im Konzert spielen wolle. Vielmehr reize es ihn, das Repertoire der unterschiedlichen Epochen auf den Instrumenten ihrer Zeit zu interpretieren.

Vermutlich hat ihn dazu sein Freund und Mentor Alfred Brendel inspiriert. Denn wie Brendel griff auch Kit Armstrong beim Konzert in der Heiligen-Geist-Kirche zu Wismar in die Tasten, ohne sich um die Risiken seiner virtuosen Spielweise zu kümmern. Es ging ihm offenbar weniger darum, fehlerfrei durchs Konzert zu kommen, als vielmehr einen authentischen Eindruck von Bachs Klavierkonzert in C-Dur zu vermitteln.

Hammerklavier: Modell-Kopie von Mozarts Klavierbaumeister

Das Hammerklavier war der Nachbau eines erhaltenen Modells des berühmten Wiener Klavierbaumeisters Johann Andreas Stein, der von Mozart sehr geschätzt wurde. Steins Instrumente erinnern optisch stark an Cembali und sind ihnen im Klang auch relativ nahe, weil der Klavierbauer die kleinen Holzhämmer, die auf die Saiten schlagen, nicht mit Leder oder Filz umspannte. So ergab sich auch beim Nachbau gerade in den Höhen ein recht mechanischer Klang, in den Tiefen wirkte das Klavier dagegen eher dumpf, fast hölzern.

Das Konzert bei NDR Kultur

NDR Kultur hat das Konzert aufgezeichnet. Am Sonntag, den 1. Dezember, können Sie es um 11 Uhr in der Sendung Das Sonntagskonzert nachhören.

Vielleicht lief auch deshalb bei Mozarts bekanntem Klavierkonzert in Es-Dur KV 271 der Klang des Steinways als Blaupause im Kopf ständig mit. Zumindest dieses Hammerklavier konnte im Vergleich nicht wirklich überzeugen. Dennoch war es für viele Konzertgäste ein spannendes Erlebnis, das Werk in der Reihe "Meisterwerke und Raritäten" einmal im Originalklang zu erleben. Entsprechend groß war der Beifall am Ende des Abends.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Kulturjournal | 12.08.2019 | 19:00 Uhr

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