Stand: 10.08.2018 14:07 Uhr

Strauss' "Salome" in angstmachender Enge

Er zählt zu den begehrtesten Regisseuren der Opernwelt - der Italiener Romeo Castellucci. Sein "Tannhäuser" in München, seine "Matthäus-Passion" in Hamburg oder "Das Floß der Medusa" in Amsterdam sind eindrucksvolle Inszenierungen - und gleichzeitig Kunstinstallationen. Denn Castellucci kommt von der Malerei, hat Bühnenbild studiert, und legt daher er viel Wert auf die visuelle Umsetzung. Nun wurde Romeo Castellucci bei den Salzburger Festspielen gefeiert. Dort hat er sich Richard Strauss' "Salome" gewidmet. NDR Kultur Opernexpertin Sabine Lange war für uns bei der Premiere.

"Salome" bei den Salzburger Festspielen

Frau Lange, in Salzburg stehen drei Opernhäuser direkt nebeneinander: das Haus für Mozart, die Felsenreitschule und das Große Festspielhaus. Romeo Castellucci wollte mit seiner "Salome" unbedingt in die Felsenreitschule - warum?

Sabine Lange: Diese Oper "Salome" spielt im Palast des Herodes, da bietet die Felsenreitschule aus sich heraus eine perfekte Kulisse. Der Bühnenraum wird vom echten Fels des Salzburger Mönchsbergs begrenzt. Das wirkt, auch in der Größendimension, sehr authentisch als Palast. Dieser harte Stein ist schon eine wuchtige, archaische Aussage an sich, aber Castellucci wollte zusätzlich noch, wie er sagt, ein "Attentat auf diesen Raum verüben". Er hat die aus dem Stein gehauenen Arkaden der Felsenreitschule wieder verschlossen, also die Wand quasi in ihren unbearbeiteten Ursprungszustand zurückversetzt. Das soll eine Enge erzeugen, eine "Luftnot", "Atemnot", die mit der "angstmachenden", "beklemmenden" Musik Richard Strauss' korrespondiert.

Enge Räume, harte Wände, verschlossene Arkaden - das sind ja schon deutliche Hinweise darauf, dass es kein Vergnügen ist, in diesem Palast des Herodes zu leben ...

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Sabine Lange arbeitet seit 2002 als Opern-Redakteurin bei NDR Kultur.

Lange: Das kann man wohl sagen - entsprechend stürzt die Prinzessin Salome bei ihrem ersten Auftritt auch atemlos auf die Terrasse, weil sie es drinnen, beim Fest, in der Nähe des lüsternen Herodes, der ihr nachstellt, nicht mehr aushält. Es ist ein Albtraum, in diesem Umfeld zu leben, wo permanent nackte, gequälte Menschen in durchsichtigen Plastiksäcken durch den Palast geschliffen werden. Wo der Herrscher, Herodes, psychisch ebenso krank ist, von Wahnvorstellungen, Größenfantasien und Obsessionen getrieben, wie seine Frau, Salomes Mutter. Wie soll ein junges Mädchen in einem solchen Umfeld gesund aufwachsen? Romeo Castellucci deutet diese Salome psychoanalytisch; diese Frau, die von der Jungfräulichkeit spricht und immer in weiß gekleidet herumläuft, hat perverse Fantasien und projiziert sie auf den gefangenen Jochanaan, der so ganz anders ist als die Welt, die sie kennt.

Jochanaan, das ist Johannes der Täufer, eine Lichtgestalt, musikalisch sehr eindeutig von Richard Strauss als Gegenpol zu Herodes und seiner Welt gezeichnet. Wie zeigt ihn Castellucci?

Lange: In der Welt des Herodes zählt ein Menschenleben nicht viel. Er tötet Jochanaan zwar nicht, aber er hält ihn in einer Zisterne unter unmenschlichen Bedingungen gefangen, in einem tiefen, dreckigen, stinkenden Loch. Wenn er dann hervorkommt, ist er umgeben von tiefer Finsternis. Man kann nicht erkennen, wer er ist, wie er aussieht. Er wirkt düster, aber ob er gut ist oder böse. Er steckt voller Rätsel und Geheimnisse. Castellucci lässt ihn auch in einer Szene als Pferd auftreten, dem dann der Kopf abgeschlagen wird. Dieser Pferdekopf liegt auf der Bühne, und wenn der Mensch Jochanaan enthauptet wird, dann bringen die Henker nicht seinen Kopf auf die Bühne, sondern seinen kopflosen Körper. Das sind schon drastische Bilder, die Castellucci hier findet. Wenn Salome dann singt: "Warum siehst du mich nicht an?" hat das noch einmal eine ganz andere Wirkung. Er sieht sie nicht an, weil da gar keine Augen mehr sind.

Die berühmteste Szene aus "Salome" ist ja der Tanz der sieben Schleier. Darauf wartet das Publikum. Was hat sich Castellucci dafür einfallen lassen?

Lange: Er verweigert den Tanz. Er lässt Salome stattdessen erstarren. Sie kniet fast nackt, zusammengekrümmt in "embryonaler Totenstarre" auf einem Sockel, mit einem Gurt festgebunden. Man könnte das für ein sadomasochistisches Spiel halten, noch dazu, weil von der Decke ein Felsbrocken auf sie niedergelassen wird. Aber Castellucci vergleicht Salomes Verhalten hier mit dem aus der Insektenwelt Bekannten; dass sich ein Weibchen tot stellt, um Feinde zu täuschen, dann aber die Männchen auffrisst. Auf der Bühne also gespenstische Stille in diesem Tanz. Im Orchester aber, da entfesselt der Dirigent Franz Welser-Möst einen orgiastischen Klangrausch. Die Wiener Philharmoniker haben gestern die sehr besonderen und ausgefeilten Klangfarben Richard Strauss' fantastisch nachgezeichnet. In der Akustik der Felsenreitschule war das ein Fest für die Ohren.

Asmik Grigorian hat die Hauptrolle gesungen, Salome. Das ist ja eine der berühmtesten Operngestalten, gilt darstellerisch und sängerisch als besonders herausfordernd. Wie haben Sie Grigorian erlebt?

Szenebild: Salome 2018: Asmik Grigorian (Salome) ©  Salzburger Festspiele / Ruth Walz Fotograf: Ruth Walz

"Salome" bei den Salzburger Festspielen

NDR Kultur

Regisseur Romeo Castellucci lässt "Salome" in Salzburg in einem ganz neuen Licht erscheinen. NDR Kultur Opernexpertin Sabine Lange hat sich die Premiere angeschaut und berichtet.

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Lange: Sie ist eine traumhafte Salome gewesen. Jung, sehr beweglich, darstellerisch in allen Facetten der Perversion überzeugend, und auch stimmlich beeindruckend – von der leisesten Vokalfärbung bis zu einem Forte, das sich über das riesige Orchester emporhebt. Eine solche Salome findet man selten, das Publikum hat sie frenetisch gefeiert. Der Regisseur ist auf der Bühne beim Schlussapplaus vor ihr auf die Knie gegangen vor Bewunderung.

 

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