Stand: 23.06.2018 10:18 Uhr

"Tosca"-Premiere: Psychodrama unterm Kreuz

von Karin Erichsen

Das Mecklenburgische Staatstheater hat am Freitagabend die Premiere der Schlossfestspiele Schwerin gefeiert. Operndirektor Toni Burkhardt hat eine berührende "Tosca" inszeniert, in der es um Menschlichkeit und Wahrhaftigkeit im Umfeld von Angst und Terror geht. Die rund 1.000 Premierengäste dankten mit tosendem Beifall und Bravo-Rufen.

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Der mexikanische Tenor Rodrigo Porras Garulo als Cavaradossi und die südafrikanische Sopranistin Erica Eloff als Tosca erhielten tosenden Beifall.

Das Kreuz ist wieder da. Nicht nur in bayerischen Schulen und Amtsstuben wird es wieder ins Zentrum gerückt, auch bei den Schlossfestspielen Schwerin dominiert es meterhoch und mächtig das Bühnenbild. Was hat das mit Tosca zu tun? Zuletzt ist die Oper auf den Bühnen Europas vielfach als Polit-Thriller interpretiert worden. Gewalt und Willkür autoritärer Regime wurden mit Waffen und Uniformen, mit Wachhunden und Käfigen vor Augen geführt, besonders eindrücklich beispielsweise auch bei den Bregenzer Festspielen mit Seekulisse wie in Schwerin.

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Schlossfestspiele eröffnen mit "Tosca"

Nordmagazin -

Die italienische Oper "Tosca" von Giacomo Puccini feiert auf dem Alten Garten vor dem Schweriner Schloss Premiere. Der Klassiker hat alles, was es für ein Open-Air-Spektakel braucht: Liebe und Mord.

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Tosca: Schicksal eines Künstlerpaars

Die Handlung legt diesen Ansatz nahe: Ein Künstler-Paar, die Sängerin Tosca und der Maler Cavaradossi, sind in die Fänge des korrupten Polizeipräsidenten Scarpia geraten. Schauplatz ist der römische Kirchenstaat zur napoleonischen Zeit. Cavaradossi sympathisiert mit den Aufklärern und hat einen politischen Gefangenen unterstützt. Unter Folter soll er gestehen und ihn erwartet die Hinrichtung. Scarpia macht Tosca indessen vor, sie könne ihren Geliebten retten, indem sie sich ihm hingibt.

Operndirektor inszeniert wahrhaftig und menschlich

Drastische Gewalt- und Folterszenen interessieren den Schweriner Operndirektor Toni Burkhardt bei seiner Tosca-Inszenierung nicht. Auf diese Weise will er sein Publikum nicht beeindrucken. Das Blut fließt unsichtbar in den Katakomben des Bühnenbodens. Burkhardt geht es offenbar um Fragen von Wahrhaftigkeit und Menschlichkeit im Umfeld von Angst und Terror. Damit ist er viel dichter am Puls der Zeit in Europa.

Mächtiges Kreuz dominiert das Bühnenbild

Im vergangenen Sommer war ein Nachbau der Schweriner Schloss-Kuppel zentrales Bühnenelement in der Inszenierung der "West Side Story". Allerdings war die Kuppel im Bühnenbild damals eine herabgestürzte Ruine - ein Symbol für die zerplatzten Träume von Wohlstand und Glück der puertoricanischen Einwanderer in Amerika. Bei diesen Schlossfestspielen ist ein rotes Kreuz, das für lebendigen Glauben, Liebe, Hoffnung stehen mag, auf die kalten Marmortreppen eines Palastes herabgekippt. Nur eine prachtvolle, goldene Hülle ragt noch in den Himmel. Das Publikum kann durch das Goldkreuz hindurch auf das Schweriner Schloss, das politische Machtzentrum des Landes, sehen. Bühnenbildner Wolfgang Kurima Rauschning hat diese anspielungsreiche Kulisse geschaffen, sie führt die Deutung des Regisseurs im Bild fort.

Figuren: Freigeist liebt Christin

Tosca und Cavaradossi werden als europäisches Paar präsentiert: er ein Freigeist mit Landhaus, sie eine empathische Frau und gläubige Christin, die sich aber von keinem religiösen Gebot ihre Liebe oder Kunst verbieten lässt. Sie leben authentisch, sie bleiben menschlich, helfen, wo es nötig ist und tragen die Konsequenzen ihrer Entscheidungen. Auf der anderen Seite steht Scarpia, der hinter der Fassade von Religion und Staatsräson seine Niedrigkeit verbirgt. Alle drei gehen unter - das mag zu denken geben.

Historische Kostüme, zeitgenössische Fragen

Die Kostüme bleiben in den 1940er-Jahren verhaftet. Das ist zwar schön anzusehen (Tosca erinnert an Monica Bellucci im italienischen Kultfilm "Der Zauber von Malena"), es führt die Assoziationen aber in eine andere Richtung, fort von zeitgenössischen Fragestellungen. Schade, dass der Kostümbildnerin Adriana Mortelliti zu Tosca wieder vor allem das rote Abendkleid mit schillerndem Brillant-Collier eingefallen ist.

Szenenapplaus und Bravo-Rufe

Musikalisch ist die Produktion ein Genuss. Die Mecklenburgische Staatskapelle schwelgt unter der Leitung von Generalmusikdirektor Daniel Huppert in der effektreichen Musik von Giacomo Puccini. Die drei Hauptpartien sind grandios mit stimmgewaltigen Gästen besetzt, die auch als Darsteller glänzen. Nach den Arien gibt es Szenenapplaus und Bravo-Rufe.

Rund 1.000 Opernbesucher zeigen sich begeistert

Trotz Kälte, Wind und ständiger Regenschauer ließ sich das Premierenpublikum einfangen von der Dramatik des Opernabends, den kraftvollen Stimmen und der berauschenden Musik. Die rund 1.000 Opernbesucher spendeten am Ende reichlich Beifall, viele begeisterte Kommentare waren zu hören. Für noch mehr italienische Festspiel-Atmosphäre ist der Freiluftoper eine Rückkehr der warmen Sommerabende zu wünschen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 23.06.2018 | 10:10 Uhr

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