Stand: 03.07.2018 10:18 Uhr

"Miriways" - Telemann-Oper mit Casablanca-Flair

von Daniel Kaiser

Die Hamburgische Staatsoper hat ein uraltes Stück Hamburger Musikgeschichte ausgegraben. In der opera stabile, der kleinen Bühne des Hauses, haben nun Nachwuchssänger aus dem Internationalen Opernstudio die Oper "Miriways" von Georg Philipp Telemann aufgeführt - fast genau 290 Jahre nach der Uraufführung. Lange war das Stück vergessen.

Verfolgungsjagden, Messerstechereien und Heiratsanträge - und das alles mitten im Publikum. Stühle werden umgeschmissen, Liebende werfen sich auf die Knie: Miriways kommt mit Karacho zurück an die Hamburgische Staatsoper. Die kleine Bühne und der Zuschauerraum werden zu einer orientalischen Bar mit Glenn Millers "Moonlight Serenade" als Klangteppich.

Der Barock-Komponist Georg Philipp Telemann (1681-1767) in einer zeitgenössischen Darstellung. © imago/ Leemage

Telemann mit Casablanca-Flair

NDR 90,3 Kulturjournal

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Wie 100 Folgen Lindenstraße

Der afghanische Fürst Miriways will einen Prinzen mit seiner Tochter verkuppeln - aus politischen Gründen. Der Prinz ist aber in eine andere verliebt, die, was er noch nicht wissen kann, allerdings besagte Tochter ist. Dann ist da noch ein anderes, dramatisch verhindertes Paar. Kurz: Es ist ein kompliziertes Knäuel aus Leidenschaft und Intrige. Typisch Barockoper eben. Wie 100 Folgen Lindenstraße an einem Abend.

Knirschende Kneipen-Idee

Der Regisseur Holger Liebig lässt die alte Oper in den 1950er-Jahren spielen. Er macht aus dem Macht-Liebe-Drama aus dem Afghanistan des 18. Jahrhunderts eine Beziehungskiste in einer Casablanca-Kaschemmen-Kulisse (Bühnenbild: Nikolaus Webern). Das Ganze mit ein bisschen Mafia-Flair (Kostüme, liebevoll im Detail: Julia Schnittger). Warum, ist ehrlich gesagt nicht ganz klar. Denn wenn Miriways den Oberkellner plötzlich als "Prinz" ansingt, merkt man schon, wie diese Kneipen-Idee ein bisschen knirscht. Doch die Atmosphäre ist dicht. Die Zuschauer sitzen zum Teil auch an den Tischen dieser orientalischen Bar, sind also Teil des Geschehens. Immer wieder zucken sie zusammen, wenn bei einer dramatischen Barock-Arie eine Pistole gezückt oder ein Testosteron-Duell anderweitig eskaliert.

Weitere Informationen

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Er war Geschäftsmann, Verleger und komponierte Tausende von Musikstücken: Georg Philipp Telemann. Als einer der wenigen Künstler seiner Zeit konnte er von seinem Schaffen gut leben. mehr

Vom Nerd zum Helden mit nur einer Arie

Die jungen Leute aus dem Opernstudio machen das wunderbar. Aus Jóhann Kristinsson, Bariton, strömt die souveräne Weisheit und Ruhe von Fürst Miriways. Narea Son lässt als Nisibis die Koloraturen hell und sicher strahlen. Shin Yeo funkelt als zynischer Bösewicht Zemir mit dunkler Sonnenbrille. "Dein Hoffen wird von mir verlacht", singt er. Und schmettert höhnisch "Ha! Ha! Ha!" hinterher. Herrlich komisch ist es, wie es Sascha Emanuel Kramer gelingt, aus einem schüchternen Nerd mit Hornbrille einen todesmutigen Helden erwachsen zu lassen, der plötzlich mit einem Messer in der Hand singt: "Dieser Stahl soll dich vergnügen!"

Sinnliches Barockorchester

Nur manchmal war man schon dankbar dafür, dass man den Text auf einem Bildschirm mitlesen konnte. Das kleine Barockorchester (Leitung: Volker Krafft) spielte präzise und sinnlich - besonders wohltuend waren die Solopassagen des Flötisten Carmineluigi Amabile und die zarten Lautentöne von Johannes Gontarski. Ein schönes, altes, effektvolles Stück mit der Leidenschaft junger Sänger am Anfang ihrer Karriere: So lebt Telemann!

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 02.07.2018 | 19:00 Uhr

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