Stand: 24.02.2020 16:03 Uhr

Stehende Ovationen für Pianist Alexander Krichel

von Daniel Kaiser

Mit stehenden Ovationen hat das Publikum in der Elbphilharmonie den Hamburger Pianisten Alexander Krichel gefeiert. Am Sonntag, an seinem 31. Geburtstag, legte Krichel im kleinen Konzertsaal ein effektvolles und virtuoses Programm mit Musik von Beethoven und Liszt hin.

Star-Pianist Alexander Krichel am Flügel im kleinen Saal der Elphi. © NDR
2013 wurde Alexander Krichel bereits mit seiner Debüt-CD mit dem ECHO Klassik als "Nachwuchskünstler des Jahres" ausgezeichnet.

Wie Stromstöße durchzuckt ihn die Musik. Bei Franz Liszts "Tarantella" hat man zeitweise Angst um die Unversehrtheit des Flügels, so entfesselt und enthemmt greift Alexander Krichel in die Tasten. Das überrascht dann schon bei einem Musiker, dessen Phänotyp eher "Perfekter Schwiegersohn" ist. Liszt spielt er allerdings wirklich eher wie ein "Bad Boy". Nach dem infernalischen Schlussakkord der Dante-Sonate ist es, als stoße der Flügel Krichels Arme wie bei einer Explosion ab. Höchste Dramatik! Und doch ist keine Bewegung eine Pose. Hier ist kein Klang Zufall.  

Krichel macht Beethoven-Sonaten zu Psycho-Thrillern

Alexander Krichel gehört zu den derzeit wohl ausgefeiltesten Pianisten. Seine Beethoven-Sonaten sind - Takt für Takt und Note für Note - wie unter dem Mikroskop gestaltet, als habe jeder seiner Finger ein eigenes musikalisches Gehirn. Tempo und Dynamik machen aus den Klaviersonaten echte Psycho-Thriller. Krichel legt in der Gegenüberstellung von Beethoven ("Der Sturm" und "Les Adieux") und der Musik des Virtuosen Liszt ("Venezia e Napoli" und "Après une lecture de Dante") die Schichten der Stücke frei und erschafft psychologische Räume.  

Familiäre Konzertatmosphäre 

Zu Krichels Konzerten gehört traditionell, dass er zu Beginn eines Blocks eine kleine Einführung gibt - das Ganze aber ohne Volkshochschul-Charakter. Er hat einfach das Bedürfnis, seine Begeisterung für die Musik zu teilen. Man spürt: Krichel ist kein Klavier-Nerd, sondern ein umfassend gebildeter Musiker. Die familiäre aber nie banale Konzertatmosphäre hat sich herumgesprochen. Auffällig viele junge Leute sind gekommen, um sich von der besonderen Begabung Krichels anstecken zu lassen.  

Kopf trifft Herz  

Leider wurde ein besonders intimes Beethoven-Pianissimo von einem minutenlangen Hustenanfall einer Zuschauerin komplett verwüstet. Und dem Mann zwei Plätze neben mir möchte ich auf diesem Wege mitteilen: Nein, wenn man einen Bonbon in Zeitlupe auswickelt, stört es nicht weniger, als wenn man es schnell macht. Das Publikum sang Krichel ein Geburtstagsständchen und der Pianist bedankte sich mit einer Zugabe von Chopin und mit einem Musikstück, das er von seiner Tournee aus China mitgebracht hat. "Silberne Wolken jagen den Mond" lautet der lyrische Titel. Typisch Krichel: Bei ihm treffen sich Intellekt und Gefühl, Kopf und Herz. 

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 24.02.2020 | 19:00 Uhr

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